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Wie Russland seine Geschichte fälscht

 

Nach dem Sieg über Nazi-Deutschland haben sich die Soldaten der Roten Armee auf die Wänden vom Reichstag in Berlin sich verewigtNach dem Sieg über Nazi-Deutschland haben sich die Soldaten der Roten Armee auf den Wänden des Reichstags in Berlin verewigtVon Aino Siebert

25 Staatschefs haben ihre Teilnahme an den Militärparade anlässlich des 70. Jahrestags des Sieges über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg in Moskau zugesagt. Das teilte Russlands Präsidialamtschef Sergei Iwanow mit. Ihm zufolge wollen hauptsächlich Staatslenker aus Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und Israel zu den Feierlichkeiten kommen. Aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) haben bisher nur Ministerpräsident Alexis Tsipras aus Griechenland und der Präsident Tschechiens, Miloš Zeman ihre Teilnahme bestätigt.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, das Staatsoberhaupt Polens, Bronislaw Komorowski, der britische Premier David Cameron, US-Präsident Barack Obama, die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitè und ihre Amtskollegen Andris Bērziņš (Lettland) und Toomas Hendrik Ilves (Estland) haben schon frühzeitig mitgeteilt, dass sie nicht nach Moskau fahren werden. Gründe dafür sind die Annexion der zu der Ukraine gehörende Schwazmeer-Halbinsel Krim vor einem Jahr durch Russland und der andauernde militärische Konflikt in Donbass-Region, an dem auch russische Militärangehörige teilnehmen und Kriegsgerät aus Russland eingesetzt wird.

„Mit Blick auf das russische Vorgehen auf der Krim und in der Ostukraine erscheint die Teilnahme an einer Militärparade als nicht angemessen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am 11. März in Berlin. Die deutsche Regierungschefin wird aber einen Tag später mit Putin am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau einen Kranz niederlegen. Dies sei mit dem Kreml abgesprochen.

Russland feiert am 9. Mai mit einer Parade den 70. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland. Als erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hatte Gerhard Schröder (SPD) 2005 an der bombastischen Militärparade teilgenommen. Sein Vorgänger Helmut Kohl (CDU) war 1995 zu den 50-Jahr-Jubiläum auf Einladung von damaligen Präsidenten Boris Jelzin nach Moskau gekommen, er hatte der Heerschau jedoch nicht beigewohnt.

Wie Russland seine Geschichte fälscht

Trotz des wichtigen Sieges für das Land, das während des Krieges über 20 Millionen Menschen verloren hat, wäre es angebracht, dass Russland die Falsifikation seine Geschichte beendet. Die Führung des Landes suggeriert seit der Ende des Zweiten Weltkriegs, dass die Rote Armee im Alleingang den deutschen Diktator besiegt hat. Die Rolle der westlichen Alliierten wird auch heute kaum erwähnt, noch weniger gewürdigt. Ebenso wird die Tatsache, dass die zwei Diktatoren, Hitler und Stalin, schon vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 eng zusammen gearbeitet und sogar in aller Freundschaft gemeinsam die Europa am 23. August 1939 in ihre Interessenspähren aufgeteilt haben, verschwiegen. Der amtierende Kremlchef findet der Hitler-Stalin Pakt auch gegenwärtig noch gut .

Das heutige Russland frisiert, genau so wie es früher schon Sowjetunion getan hat, systematisch seine Geschichte. Auch wenn während der Regierungszeit des Reformers Michail Gorbatschow einige Archive für die Historiker eröffnet wurden, hat der Vater von Glasnost und Perestroika noch 1985 die hohen Verdienste des Massenmörders Stalins im Zweiten Weltkrieg hervorgehoben. Seine Rede wurde im Kreml mit andauernden Applaus begrüßt.

Die Sowjetunion verschwand zwar einige Jahre später von der Weltkarte, Gorbatschow selbst musste nach dem Putsch am 19. August 1991 abdanken, ein neuer Präsident, Boris Jelzin wurde zum Staatsoberhaupt gewählt und auch die Staatspolizei KGB bekam mehrmals einen neuen Firmennamen – heute heißen die Organe FSB (Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation), doch inhaltlich blieb alles beim Alten. Kritische Nachfragen über das Sowjetimperium, den Großen Vaterländischen Krieg oder der Geheimdienst sind nicht erwünscht. Einem Menschen, der in westlichen Demokratien mit einer Vielfalt von Büchern, Medien, Meinungen und Organisationen aufwuchs, ist nicht begreiflich, wie es in Russland eigentlich zugeht, wo der Staat seinen Bürgern nur seine Meinung, seine Medien oder seine Bücher erlaubt.

Dementsprechend wissen junge Russen gar nicht mehr, dass während der Ära des großen Terrors, angeordnet dem späteren Sieger Stalin, Russland buchstäblich im eigenen Blut ertrunken ist. Laut der russischen Journalistin Jewgenia Albaz (Das Buch „Geheimimperium KGB“) wurden über 66 Millionen Menschen von Oktober 1917 bis 1959 zum Opfer der staatlichen Repressionen und des Terrors, überwiegend von ihnen unter Stalin. Ohne die Verluste Russlands durch den Krieg relativieren zu wollen – das Volk hat unter den Gräueltaten der Armeen Hitlers entsetzlich gelitten – ist jedoch die Opferzahl derer, die unter dem eigenen Regime zu leiden hatten oder ermordet wurden, deutlich größer. Mehr als 70 Jahre führte der Staat einen permanenten Krieg gegen sein eigenes Volk. Die Zahl der Regimeopfer steigt auch unter Putin ständig. Das letzte ist Kremlchef-Gegner Boris Nemzow, er wurde am 27. Februar in Moskau getötet.

Der Triumph über den einstigen Freund und späteren Feind Hitler war für Stalin bitter, denn auch die Russen selbst fragten sich, ob der deutsche Führer mit weniger Menschenverlusten zu besiegen gewesen wäre, wenn der rote Despot vor der Einmarsch der Hitler-Truppen seine fähige Politiker, Generäle, Ingenieure, Wissenschaftler, Mediziner nicht umgebracht hätte. Jede zweite Sowjetbürger wurde zum Opfer des stalinistischen Regime, bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte.

Doch diese Frage zu stellen ist in Russland bis heute Tabu . Der Kreml setzt weiterhin auf die Macht der Mythen. Putin weiß, wie auch jede seinen früheren Amtskollegen, mit dem Wahrheit über das millionenfache Verbrechen gegen die Menschlichkeit, muss er sein Stuhl im Kreml räumen und statt Oppositionelle in einem einsamen Zelle von Lubjanka oder Butyrki sitzen.

Lukaschenka nicht mehr letzte Diktator Europas

Noch muss Putin dieses Szenario nicht fürchten. Die Sowjetunion war ein totalitärer Staat. Der KGB-Veteran hat der Nachfolgestaat, die Russische Föderation, ebenso zu einem diktatorischen Land aufgebaut. Hier herrschen immer noch Pseudowahrheiten oder wie bei der Krim, direkte Lügen. Das Riesenimperium hat während seinen Existenznur kurz Volksherrschaft schnuppern können, doch eine richtige Demokratie hatte es in Russland nie gegeben. Deswegen finden demokratische Traditionen hier fast keinerlei Nährboden. Die wenige Dissidenten sind von Putin schon ausgeschaltet oder mussten das Land verlassen.

So hat auch weißrussische Herrscher Aljaksandr Lukaschenka einen Grund zur Freude: "Ich bin nicht mehr der letzte Diktator Europas. Es gibt Diktatoren, die ein wenig schlimmer sind als ich, nicht wahr? Ich bin jetzt das kleinere Übel", sagte er vor kurzem.

Foto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

 

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