Ad-Test
Google+


Eine wahrhafte Grande Dame

 Buch: Käthe Kaufmann, eine starke FrauVon Aino Siebert

Heute betrachten wird die Frauenrechte als selbstverständlich. Doch die Rechte der Frauen, sich am gesellschaftlichen oder politischen Leben aktiv zu beteiligen, sind in Deutschland erst seit einem Jahrhundert schriftlich festgelegt.

Trotz dem 1918 erkämpften Frauenstimmrecht blieben die Ansichten der Männer, dass die Frauen nicht klug genug seien das gesellschaftliche Leben zu gestalten, noch Jahrzehnte haften. Auch die Nazis missbilligten die Gleichberechtigung. Die Frauenrechte wurden dementsprechend erst 1948 erneut im Grundgesetz der Bundesrepublik festgelegt, doch erst viele Jahre später de facto auch erreicht.

Vor diesem Hinterngrund ist das Leben von Käthe Kaufmann aus Karlsruhe, aufgeschrieben von ihrer Urenkelin Britta Wirtz (Co-Autor und Recherche Bernhard Wagner), beachtenswert. Trotz den damaligen strengen frauenfeindlichen gesellschaftlichen Regeln ging die Badenerin selbstbestimmt ihren eigenen Weg und hat bewiesen, dass man eigene Vorstellungen von seinem Leben haben darf und es sich lohnt, für seine Rechte einzustehen.

Niemals aufgeben

Katherina Elisabetha Karoline Walz, genannt Käthe, erblickte das Licht der Welt 1899 in Mannheim. Ihr Vater war Gerichtsschreiber und musste wegen seines Berufs mehrfach umziehen. In Offenburg (Schwarzwald) konnte seine Tochter die vornehme Klosterschule „Unserer Lieben Frau“ besuchen, dort wurde sie auf ein Leben im Bürgertum vorbereitet. Konkret lernten die Schülerinnen, wie in damaligen Zeit üblich, vor allem die Verhaltensregeln für Ehefrauen.

Allerdings entsprachen derartige Regeln nicht der Realität. Um den Alltag zu meistern waren scharfer Verstand, praktische Veranlagung, starker Charakter und Optimismus gefragt, denn das Leben der einstigen Klosterschülerin war überschattet von zwei Weltkriegen, dem Trauma durch den Soldatentod ihres Bruders, von häuslicher Gewalt ihres ersten Ehemanns, der Ermordung ihres zweiten Gatten durch die Nazis und ein Jahrzehnte andauernder Wiedergutmachungs-Prozess in einer Nachkriegsgesellschaft, in der noch immer die Männer das Ton angaben.

Käthe, eine gute Ehefrau, wehrte sich trotz der strengen Verhaltensregeln mutig gegen die Misshandlungen ihres ersten Angetrauten und Vaters ihrer Tochter. Für eine Katholikin bedeutete eine Scheidung in damaligen Zeit nicht nur eine gesellschaftliche Missachtung, sondern auch Armut. Beistand und Verständnis fand die junge Frau bei Ludwig Kaufmann, der sie im Sommer 1930 standesamtlich heiratete. Doch ihr Glück dauerte nicht lange, nur drei Jahre später kamen die Nationalsozialisten an die Macht, was für das Leben eines badischen Juden und seiner Ehefrau große Probleme und Existenzängste mit sich brachte. Bisher erfolgreicher Handelsvertreter musste er seine Geschäfte einschränken, schon 1934 wurde ihm seine Reiselegitimation entzogen worden. Auf die Tür der Familie wurde ein Judenstern geklebt und dadurch wurde das Ehepaar von nun an von Mitmenschen systematisch diskriminiert und sozial ausgegrenzt.

Im Jahr 1936 richtete Nazi-Deutschland in Berlin die Olympischen Spiele aus, doch die Karlsruherin hatte Anderes als den Spitzensport im Kopf als sie aus der badischen Hauptstadt rund 800 Kilometer zur Geheimen Staatspolizeihauptamt (Gestapo) fuhr um dort zu erreichen, dass ihrem Mann eine neue Reiseerlaubnis zur Sicherstellung des Familieneinkommens ausgestellt wird. Mit diesem Schritt zeigte Käthe außergewöhnlichen Zivilmut in einer Zeit, als die Bevölkerung durch die Brutalität der braunen Machthaber eingeschüchtert war. Ihre beschwerliche Reise war vergebens, die Familie musste weiterhin von Ersparnissen und dem Verkauf von Käthes Handarbeiten leben.


v.l. Berhard Wagner, Britta Wirtz mit ihrer Mutterv.l. Berhard Wagner, Britta Wirtz mit ihrer Mutter

In die Hölle

1943 wurde Ludwig Kaufmann aufgefordert zum Verhör zu kommen. Käthe Kaufmann setzte, ohne Schlimmes zu ahnen, ihren Ehemann vor der Haftanstalt ab. Später wurde der Gefangene nach Auschwitz deportiert und in dem Vernichtungslager mit einem Phenol-Spritze ermordet. Der Lagerarzt, SS-Obersturmführer Friedrich Endress, hatte diese Methode durch Einspritzung einer Industriechemikalie Menschen zu töten, entwickelt. Der Todeskandidat wurde auf einen Stuhl gesetzt und festgehalten, danach spritzte der eigentliche Henker ihm das Phenol mit einer langen Nadel direkt in die Herzkammer.

Aufgeben kommt nicht in die Frage

Nach dem Krieg stand Käthe Kaufmann mittellos da und musste ihr Leben neu ordnen. Dazu gehörte auch der Prozess um Wiedergutmachung des von den Nazis verursachten Unrechts gegen die Bundesrepublik Deutschland, welcher letztendlich über 24 Jahre andauerte. Die Witwe bestritt ihren Lebensunterhalt mit ihren Handarbeiten, als Autodidaktin gründete sie in der Karlsruher Weststadt eine Manufaktur für Damenoberbekleidung. Die Unternehmerin war zudem eine der ersten Frauen, die einen Führerschein erworben hatten. Deswegen galt sie als badische Auto-Pionierin.

Als Käthes einzige Tochter nach Norwegen auswanderte, besuchte die Mutter sie regelmäßig auf dem Insel Grandholmen (Tammeninsel) bei der ehemaligen Festungsstadt Fredrikstadt. Den langen Weg nach Norden fuhr sie immer mit dem eigenen Wagen.

Trotz der vielen Schicksalsschläge hatte Käthe Kaufmann nie ihre positive Lebenseinstellung verloren. Die Badenerin war zu ihrer Lebenszeit keine prominente Persönlichkeit, doch ihr Leben und ihre Courage waren so außergewöhnlich, dass sie auch für den heutigen Frauengeneration ein Vorbild sein kann.

Käthe Kaufmann – Biographische Lebensgeschichte(n)
von Britta Wirtz und Bernhard Wagner
ISBN: 978-3-7650-8908-4
Lauinger Verlag
264 Seiten
16,90 € Preis inkl. gesetzlicher MwSt.
https://lauinger-verlag.de/buch/kultur/regionalia/kaethe_kaufmann/

Die Autoren:
Britta Wirtz (geb. Wehrheim), Jahrgang 1973, wuchs in Kronberg im Taunus auf und studierte Kommunikationswissenschaften. Als Europäerin spricht sie mehrere Sprachen und ist seit 2009 Chefin der Messe Karlsruhe.
Bernhard Wagner, Jahrgang 1948, studierte Kommunikationstechnik, Sozialwissenschaften und Neuere Geschichte. Er schreibt für die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) und andere Printmedien. Als weitgereister Publizist hat er u. a. die Werke „Im Reich der Rentiere“ und „Das gibt es nur in Karlsruhe“ verfasst. Als Mitarbeiter des Centre Culturel Franco-Allemand (CCFA) Karlsruhe hat er Bildvorträge über verschiedene Regionen Frankreichs gehalten. Im „Sonntagscafé“ am Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) hält er Bildvorträge zu kulturellen und Natur-Themen. Wagner ist Mitglied der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS).

Beitragsseiten

Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter ,um immer auf dem Laufenden über Nachrichten aus aller Welt zu bleiben.