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Estland: Der Journalist, der seine Karriere an die Wand fuhr

Screenshot des Artikels von Eesti-ExpressScreenshot des Artikels von Eesti-ExpressDie estnische Wochenzeitung Eesti Ekspress veröffentlichte am 14. Dezember einen Artikel über Mart Ummelas, einen umstrittenen Journalisten, dessen Karriere mit der Korruptionsaffäre um Tallinn-TV beendet zu sein scheint. Im Fall eines Schuldspruchs drohen ihm bis zu drei Jahre Haft. Auch das Baltikum-Blatt berichtete mehrfach über den Skandal.

Vom Bildschirm verschwunden

Das Maskottchen der Tallinn-TV, Mart Ummelas, ist seit einiger Zeit vom Bildschirm verschwunden. Der 63-Jährige wird verdächtigt, in einen Korruptionsskandal um den Hauptstadt-Fernsehkanal verwickelt zu sein. Von seinem Amt ist der frühere Vizekulturminister bis auf weiteres suspendiert suspendiert. Das bedeutet für den alleinstehenden Mann nicht nur einen totalen Rufverlust, sondern auch finanzielle Not. Ummelas war nie verheiratet und hat keine Kinder. Demzufolge kann er sich in dieser heiklen Situation nur auf sich selbst verlassen.

Die Medienkarriere des bei den Kollegen längst verhassten Mannes begann nach seinem Journalistikstudium an der Universität Tartu. Ummelas musste damals, in der Sowjetära, mit 40 Rubeln Stipendium zurechtkommen – das durchschnittliche Gehalt betrug damalig 100-120 Rubel. Seine Mutter, eine Buchhalterin und alleinerziehende Mutter dreier Jungen, konnte ihrem Sohn nicht unter die Arme greifen.

Der Student sah sich regelmäßig das (westliche) finnische Fernsehen an und lernte dabei emsig die Sprache des nördlichen Nachbarn. Estnisch und Finnisch gehören zur finnougrischen Sprachgruppe, dadurch war es dem angehenden Journalisten relativ leicht, sich die verwandte Sprache anzueignen. Mit guten Sprachkenntnissen konnte Ummelas als Stadtführer für die Touristen aus Finnland zusätzliches Geld zu seinem mageren Stipendium verdienen. Immer wenn er frei hatte, fuhr er von Tartu nach Tallinn, schreibt Eesti Ekspress. Die Stelle verlangte allerdings Loyalität zum Regime, denn die Sicherheitsorgane erwarteten von Intourist-Angestellten detaillierte Berichte darüber, was die Ausländer untereinander gesprochen haben, mit wem sie Kontakt hatten usw.

Die Vergangenheit ist nicht zu überprüfen

Da die Akten der damaligen sowjetischen Geheimpolizei aus Estland gleich nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit nach Moskau gebracht worden sind, ist es nicht möglich zu überprüfen, ob Ummelas als inoffizieller Mitarbeiter (IM) für den KGB tätig war. Das souveräne Estland sicherte zudem IMs, die sich freiwillig meldeten, Straffreiheit und Anonymität zu. Nur die Namen derjenigen, die sich weigerten, ihre Mitarbeit bei den sowjetischen Sicherheitsorganen anzugeben, wurden nach und nach veröffentlicht.

Nach seinem Studium bekam Ummelas gleich eine Stelle im Rundfunk. Auch als Radiojournalist war er dem Regime zu Loyalität verpflichtet. Der sowjetische Journalismus unterlag, wie auch Buchveröffentlichungen, Kompositionen oder Kunst, der Zensur. Aus dem Lebenslauf geht nicht hervor, ob Ummelas Mitglied der Kommunistischen Partei war. Man kann jedoch davon ausgehen, dass er der Partei angehörte, denn das Amt des Vizekulturministers hätte in der Regel eine Mitgliedschaft vorausgesetzt.

Das Kulturministerium beschäftigte sich vor allem mit der Unterdrückung der Künstler – Sänger, Dirigenten, Maler usw. Der weltberühmte Tonsetzer Arvo Pärt kann ein langes Lied davon singen, wie er von den Organen zum Schweigen gebracht wurde. Und weil sein Freund, der Dirigent Neeme Järvi, sich trotz Verbotes die Werke Pärts aufzuführen traute, wurde auch er auf die „schwarze Liste“ gesetzt. Die Beiden stellten einen Ausreiseantrag und wurden danach vom Regime noch mehr verachtet. Järvis Einspielungen wurden im Rundfunk verboten. Die Staatssicherheit ließ Gerüchte verbreiten, dass der beliebte Orchesterleiter in den USA betteln müsse, weil er keine Auftritte bekomme. Doch das Gegenteil traf zu – beide begabten Musiker blühten im Westen richtig auf.

Alkoholprobleme nach der Sowjetära

Eesti Ekspress berichtet weiter, dass Ummelas nach dem Ende der Sowjetära mit dem Trinken angefangen habe. Viele, die die Aufbruchsstimmung mit ihren gravierenden Veränderungen nicht verkraften konnten, haben damals noch fleißiger als in der Sowjetunion damals üblich, zur Flasche gegriffen. Man konnte sich auf Ummelas nicht mehr verlassen, und wenn sich jemand doch traute, Kritik zu äußern, wurde der Mann boshaft. Auch Mitglieder des estnischen Journalistenverbandes (Eesti Ajakirjanike Liit, kurz EAL), dessen Vorstandsmitglied Ummelas lange war, berichteten über hämische mündliche oder schriftliche Angriffe, sogar gegenüber Senioren. Er versuchte zudem oft, die Gegenpartei einzuschüchtern. Dabei verbreitete er in der Öffentlichkeit über Einzelpersonen unglaubwürdige Lügen, unter anderem, wie ein Mitglied in das Büro des EAL eingebrochen sein soll, um dort eine Namensliste zu stehlen. Wie das hätte gelingen sollen, ließ Ummelas natürlich offen. Das Sekretariat befand sich nämlich im Gebäude des Estnischen Nationalen Rundfunkes (Eesti Rahvusringhääling, kurz ERR), wo Alle sich mit Ausweis anmelden mussten, bevor sie überhaupt das Haus betreten konnten. Der angebliche Einbruch war zudem bei der Polizei nicht gemeldet.

Boshafte Kommentare

Als sich das Internet weiter entwickelte, war es möglich, nicht nur im Rundfunk, sondern auch in den Kommentarspalten aller Medien Meinungen zu schreiben. Ummelas’ Berichte waren so bunt, dass der damalige ERR-Chef Margus Allikmaa seinen Angestellten vor die Wahl stellte, entweder freiwillig zu gehen oder strafentlassen zu werden.

Dem Eesti Ekspress zufolge ging Ummelas dann aus freien Stücken und bekam eine hohe Stelle bei der Tallinn-TV, finanziert von der Hauptstadt-Verwaltung unter dem Zentristen-Machiavelli Edgar Savisaar (Keskerakond). Doch seinen Mund halten wollte Ummelas weiterhin nicht. Es folgten weitere bösartige, verleumderische und vulgäre öffentliche Aussagen, auch in den sozialen Medien, geschrieben offensichtlich unter starkem Alkoholeinfluss. Als dann Toomas Lepp kurz nach Ummelas’ Einstellung ebenso bei Tallinn-TV landete, hat die Situation Schritt für Schritt eskaliert. Lepp, so beschreibt ihn Eesti Ekspress, war zwar emotional, doch auch ein guter Manager und Administrator. Ummelas musste als Chefredakteur und Vorstandsmitglied gehen, durfte aber als Meinungsredakteur bei dem Kanal bleiben. Er selbst sagt, er hätte auch gehen können, doch er wollte Tallinn-TV ohne finanzielle Vergütung nicht verlassen. Dem Eesti Ekspress zufolge erklärte Ummelas: „Wenn ich keine Aufwandsentschädigung bekomme, wird meine wirtschaftliche Situation sehr schwierig“.

In einem Interview für seinen früheren Arbeitgeber Vikerraadio vor einigen Tagen sagte Ummelas, dass er gerne zurück in den Rundfunk kommen wolle. Doch viele Brücken hat der Mann mit einst guten Karriereaussichten selbst hinter sich verbrannt, wenngleich diese Tatsache dem Unbelehrbaren gar nicht bewusst ist. Er scheint nicht einmal zu begreifen, dass er fast mit einem Fuß im Knast steht. Auch wenn ein Wunder geschieht und er von dem vorläufigen Korruptionsverdacht freigesprochen wird, sieht seine berufliche Zukunft nicht rosig aus. (asie/tmich)

Foto: Eesti Ekspress Screenshot

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