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Medientage in Berlin: Meinungsfreiheit und Medienvielfalt in Osteuropa

Wie geht man mit Hetze um?

Es folgte eine Podiumsdiskussion mit Robert C. Schwartz (Deutsche Welle), Dr. Gerhard Gnauck (Die Welt), Claudia von Salzen (Der Tagesspiegel) und Karl-Peter Schwarz (Frankfurter Allgemeine Zeitung) über das Thema „Osteuropa – und wie ich darüber berichte“. Dr. Dr. Andreas Umland, Senior Research Fellow am Institut für Euro-Atlantische Kooperation in Kiew, führte durch die interessante Diskussion. Es wurden Gedanken darüber ausgetauscht, warum die einst leuchtender Leitbilder der Europäischen Union wie Polen, Tschechei und Ungarn sich nun weniger musterschülerhaft benehmen. Und warum reagierte Deutschland zu spät auf die Aggressionen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, oder warum wurden die frühzeitigen Warnungen der Balten über Kremlpolitik nicht ernst genommen? Wie muss man auf Hetzleserbriefe und Anfeindungen der Journalisten reagieren?

Alltag in den Redaktionen

Der zweite Tag war Erfahrungsberichten aus sechs Redaktionen deutschsprachiger Auslandszeitungen gewidmet. Die Tagungsteilnehmer bekamen einen detaillierten Einblick darüber, wie der Alltag bei der Hermannstädter Zeitung im rumänischen Sibiu (Beatrice Ungar), dem Wochenblatt im polnischen Oppeln (Dr. Rudolf Urban), Der Nordschleswiger in Dänemark (Gwyn Nissen) und der Kaukasischen Post (Rainer Kaufmann) in Georgien aussieht. Alle, außer der Tageszeitung der deutschen Minderheit Dänemarks, haben mit kleineren oder größeren finanziellen Problemen zu kämpfen: Die deutsche Minorität wird älter, und dementsprechend gehen auch die Zahlen der Abonnenten zurück. Dem Nordschleswiger ist es jedoch gelungen, so Nissen, eine florierende Kooperation mit anderen Zeitungen abzuschließen und damit ein gutes wirtschaftliches Polster anzulegen. Man tauscht sich nicht nur aus, sondern es wird auch tatkräftige gegenseitige Arbeitshilfe geleistet.

Finanziell steht auch die Moskauer Deutsche Zeitung (MDZ), gerichtet nicht nur an die deutsche Minderheit in Russland, sondern auch an Geschäftsleute aus der Bundesrepublik, auf starken Füßen. So können die Redaktionsmitglieder entspannt arbeiten und Gastbeiträge der freien Journalisten einbringen. Das Blatt erscheint in einer Auflage von rund 25.000 Exemplaren zweimal im Monat in Deutsch und Russisch. Es wird in verschiedenen Moskauer Hotels, Cafés, Restaurants und an den Flughäfen ausgelegt. Herausgeber sind Olga und Heinrich Martens.Podiumsdiskussion: v.l. Dr. Gerhard Gnauck (Die Welt), Claudia von Salzen (Der   	Tagesspiegel), Dr. Andreas Umland, Inst. für Euro-Atlantische Kooperation in Kiew, 	Robert C. Schwartz (Deutsche Welle), Karl-Peter Schwarz (Frankfurter Allgemeine Zeitung)Podiumsdiskussion:
v.l. Dr. Gerhard Gnauck (Die Welt),
Claudia v.Salzen ( Tagesspiegel),
Dr. Andreas Umland, Inst. für Euro-Atlantische Kooperation in Kiew, Robert C. Schwartz (Deutsche Welle), Karl-Peter Schwarz (FAZ)

Allen Medienvertretern war klar: Um als Zeitung zu überleben, muss man junge Leser dazugewinnen und neue mediale Kanäle öffnen. Ein entsprechender Workshop wurde von Björn Akstinat (Medienhilfe) geleitet.

Gemma Pörzgen, Journalistin und Medienberaterin, gab Vorschläge gegen (staatlich verordnete) Propaganda und führte aus, wie die Meinungsmanipulation auf die Leser wirken kann. Pörzgen, zur Zeit freie Publizistin, arbeitete für viele deutsche Tageszeitungen. Sie ist zwar in Bonn geboren, jedoch in Moskau aufgewachsen und hat viele Reisen in die osteuropäischen Staaten unternommen. Die Journalistin kämpft auch für die Rechte der Medienschaffenden in der ganzen Welt, sie gehört dem Vorstand der Organisation Reporter ohne Grenzen an.

Die Medientage beschäftigten sich noch mit dem Thema „Wie kann ich meine Artikel in anderen Medien veröffentlichen?“ und „Wie wäre es möglich, mit Internetzeitungen Geld zu verdienen, um eine seriöse journalistische Leistung zu gewährleisten?“.

In Schluss-Statements aus den Redaktionen war herauszuhören, dass ohne eine große Portion Leidenschaft und Neugier keine der Zeitungen herzustellen ist. An dieser Stelle ging noch ein großes Dankeschön an Ingeborg Szöllösi für die hervorragende Durchführung der Arbeitstage.

Info: „Der Fall Lisa“

Am Anfang des Jahres flog der von den russischen Medien erfundene Vergewaltigungsfall „Lisa“ auf. Das aus Russland stammende 13 Jahre alte Mädchen sei, so die Promoterjournalisten des Kremlchefs Putin, von mehreren Flüchtlingen sexuell missbraucht worden. Obwohl die Staatsanwaltschaft Berlin die Meldung mehrfach glaubhaft dementierte und bekannt gab, Lisa habe sich wegen schulischer Probleme bei einem Freund versteckt, ging die Verleumdungs-Kampagne gegen Deutschland munter weiter. Sogar Putins Chefdiplomat Sergei Lawrow (Jahrgang 1950) setzte sich für „unser armes vergewaltigtes Mädchen“ ein und löste damit einen diplomatischen Eklat aus – vor allem, weil er sich als Politiker in die Arbeit der unabhängigen Justiz einmischte. Er, seit 2004 Außenminister von Putins Gnade, beherrscht perfekt die sowjetische Desinformationsrhetorik. Er war sich nicht zu schade, ein minderjähriges Kind für die politischen Zwecke Moskaus zu missbrauchen.

Fotos: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

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