Das Baltikum-Blatt

Kultur

Usedomer Musikfestival: Neeme Järvi dirigiert Abschlusskonzert in Peenemünde

Veröffentlicht: 26. August 2013

NeemeJärvi, 2007 in LudwigsburgNeemeJärvi
2007 in Ludwigsburg
Von Aino Siebert

Am Samstag 12. Oktober um 20 Uhr dirigiert der estnische weltbekannte Dirigent Neeme Järvi das NDR Sinfonieorchester bei der Abschlusskonzert der Saison im Musikland Mecklenburg-Vorpommern. Die Musikaufführung findet im Kraftwerk des Museums Peenemünde statt. An der Seite der Maestro werden als Solisten seine Tochter Maarika Järvi (Flöte) und Kalev Kuljus (Oboe) auftreten.

Auf dem Programm stehen die „Estnische Tanzsuite“ und die „Sinfonie Nr. 4 A-Dur , genannt Sinfonia lirica“ von Eduard Tubin (1905-1982), das „Konzert für Oboe und Orchester C-Dur KV 314“ von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und „Chant of the Celestial Lake“ von Peeter Vähi (geboren 1955).

Neeme Järvi – Beste Werbemarke Estlands
Meine eigene erste Erlebnisse der klassischen Musik in Estland sind fest mit dem Namen Neeme Järvi verbunden. Mit seiner einmaligen Art den Besucher und seinem Orchester die Botschaft der Tonkünstler zu überbringen, machte er sich nicht nur in seinem Heimat beliebt, sondern im gesamten Sowjetunion und später im Ausland.

Erst vor etwa zehn Jahren habe ich den großen Maestro und seine Frau Liilia in der Frankfurter Alten Oper persönlich kennengelernt. Er stand vor seinem damaligen Orchester, den Göteborger Symphoniker und war genau so wie in meinem Kindheitserinnerungen: zurückhaltend, und doch offen. Seinen individuellen (tänzerischen) Stil und sein Begeisterungsvermögen hatte Neeme Järvi all durch die Jahre nicht verloren.

Der Musikgenie aus Estland ist wie ein alter Wein, der mit den Jahren besser, reifer geworden ist, und doch dabei frischen Geschmack beibehalten hat. Auch seine Söhne Paavo und Kristjan, die in des Vaters großen Fußstapfen getreten sind, und Tochter Maarika (Flötistin) haben ihren Begeisterung für das Klangreich von Papa geerbt.

Die Järvi-Familie ist die beste Werbemarke, die Estland je zu bieten hatte. Obwohl es Liilia Järvi immer gelingt im Hintergrund zu stehen, ist ihre starke Rolle in der Familie spürbar. Ohne Frau Järvi an der Seite des Clans wäre die estnische „Dirigentenmaffia“ Järvi überhaupt nicht denkbar.

Liilia und Neeme JärviLiilia und Neeme Järvi

Der Maestro erblickte in unruhigen Zeiten die Welt
Am 7. Juni 1937, einige Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde in Estlands Hauptstadt Tallinn (Reval) – das Land war noch nicht von Sowjets besetzt – in der Familie von August und Elss Järvi der zweite Sohn, Neeme, geboren. Sein älterer Bruder Vallo Järvi (1923-1994), auch Dirigent, hatte zu jener Zeit mit seiner Musikausbildung schon begonnen.

Den höchst musikalischen Eltern, die Balalaika, Mandoline und Gitarre spielten, war im Zarenreich (Estland gehörte bis zum 1918 zu Russland) keine Musikerkarriere vergönnt und so setzten sie alle ihre Hoffnungen auf ihre Söhne. “Meine Mutter,” erzählte Neeme Järvi, “hatte einen sonnigen Charakter, sie hielt unsere Familie fest zusammen. Ihre positive Lebenseinstellung gab sie uns und meinen Kindern weiter.”

1941 griff Deutschland die Sowjetunion an – der Krieg erreichte schnell auch Estland, das Land wurde gemäß dem Hitler-Stalin Pakt von den Kommunisten okkupiert. Das Familienoberhaupt wurde gezwungen die Uniform der Roten Armee anzuziehen.

Die Russen wurden danach von der Hitler-Armee für einige Jahre aus Estland verdrängt. Die deutsche Besatzung lief für die meisten Esten, sofern sie nicht Juden oder Kommunisten waren, in dem Ostseeland verhältnismäßig friedlich ab. Den zweiten Einmarsch der russischen Armee im Jahre 1944 empfand der damals siebenjährige Junge als großes Leid, denn nicht nur seine Mutter Elss wurde von Russen ständig belästigt, die Soldaten stahlen auch sein Pferd Selma, was für das Kind eine große seelische Katastrophe bedeutete.


Erste Auftritte als Musiker
1946 fing Neeme Järvi in Tallinn mit dem Xylophon-Unterricht an. Sein Bruder Vallo unterschrieb zu dieser Zeit einen Dirigentenvertrag mit der Nationaltheater Estonia, er blieb 40 Jahre in diesem Amt . Er war ein großes Vorbild für seinen jüngeren Bruder, der fast bei jeder Probe oder jedem Konzerte mitfieberte.

Dann wurden die Musikträume wieder von der Politik überschattet. 1949 starteten die Kommunisten zum zweiten Mal die großen Deportationen. Die Familie Järvi wurde zwar nicht behelligt, die damalige brutale Ereignisse hinterließen aber bei den Jugendlichen, so wie bei jeden anderen Esten, tiefe emotionale Spuren.

Nach zwei Jahren Musikunterricht, stellte der junge Xylophonspieler fest, dass er Orchesterleiter werden will. Dieses Ziel vor Augen ging er zu Ausbildung an die Tallinner Musikschule. Indem er sein Taschengeld nebenbei als Schlagzeuger im Symphonieorchester des estnischen Rundfunks verdiente, konnte der angehende Dirigent alle bekannten sowjetischen Kapellmeister kennen lernen. In diese Zeit fielen auch seine erste Soloauftritte.

Neeme Järvi in seine jungen JahrenNeeme Järvi in seine jungen Jahren Studium in St. Petersburg
Der erste öffentliche Auftritt als Orchesterleiter erfolgte 1954 als Neeme Järvi erst 17 Jahre alt war, er leitete die Ouvertüre aus der Operette von Johann Strauss “Nacht in Venedig”.

Als der Este ein Jahr später die Musikschule in Tallinn beendete, musste er für sein Weiterstudium nach Leningrad (jetzt St. Petersburg). Das junge Talent schaffte mühelos die Aufnahmeprüfungen, sein erster Lehrer war der Dirigent des Kirow (jetzt Maria)-Theaters, Juri Gamalei. “Gamalei war ein großer Kenner der russischen Musik, er gab mir viele Anlässe zu dirigieren, erinnert sich Järvi in der Buch „Encore“. Seine Studienzeit fiel glücklicherweise mit Nikita Chruschtschows Tauwetterpolitik zusammen – viele in der westlichen Welt gefeierte Symphonieorchester gastierten in die Sowjetunion. Neeme Järvi bekam dadurch die Möglichkeit Pierre Monteux´ und Charles Munch´ von den Bostoner Symphonikern, aber auch Adrian Boult´ vom London Philharmonic Orchestra und Herbert von Karajan von den Wiener Philharmoniker hautnah zu erleben. “Wir standen drei Tage und Nächte Schlange um Tickets zu bekommen, erzählte Maestro später.

Als Gamalei das Konservatorium verließ, ging Neeme Järvi zu Professor Nikolai Rabinowitsch. “Dirigiertechnik hat Rabinowitsch mir nicht erklärt, er hat mir nur das „Händezittern“ beigebracht. Später habe ich gemerkt, dass die großen deutschen Orchesterleiter das gleiche tun: Sie dirigieren zwar im Takt, aber zwischen dem Schlag geht ein tremoli durch die Hände. So hat auch Wilhelm Furtwängler seine Orchester geleitet. Rabinowitsch hat sich an der westlichen Musik orientiert und so bekamen seine Schüler ebenfalls Erkenntnisse darüber, was jenseits der sowjetischen Grenze los war. Er war ein Juwelpädagoge,” schreibt Järvi in seinen Memoiren.

Viele Erfolge und erste Probleme mit den Sowjetbehörden
1957 gewann Neeme Järvi seinen ersten Dirigentenwettbewerb in Moskau. Drei Jahre leitete er noch als Student am jetzigen Maria-Theater in St. Peterburg Georges Bizet´ “Carmen”. Nach dem Studium kam Neeme Järvi als diplomierter Orchesterleiter zurück in die Heimat und wurde dort gleich hoch gefeiert. Seine Konzerte und Operaufführungen waren immer ausverkauft. Als frisch gebackener Dirigent des estnischen Rundfunkssymphonieorchester leitete er die Erstaufführung “Nekroloog” des heute weltweit geschätzten Komponisten Arvo Pärt, der damals noch Student war. 1966 dirigierte der Este in Tallinn auch die 2. Symphonie, zwei Jahre später das “Credo” von Pärt, die beiden großartigen Musiker sind bis heute enge Freunde geblieben.

Arvo Pärt hatte schon 1968 große Schwierigkeiten mit der kommunistischen Zensur. Obwohl “Credo” ein absoluter Erfolg war, war die Aufführung von den Behörden nicht genehmigt worden. Neeme Järvi leitete das Konzert trotzdem, und übernahm als Orchesterleiter die Verantwortung, als die Zensurbehörden ihn zur Rechenschaft zogen.


Maarika JärviMaarika JärviPrivatglück krönt die berufliche Forschritte
Nicht nur beruflich, auch privat ging es bei Neeme Järvi vorwärts – er heiratete seine Liilia, in die er sich während seines Studiums in Leningrad verliebt hatte. Die in Wladiwostok geborene Braut fing unter der Besichtigung von Oma Järvi fleißig an Estnisch zu lernen. 1962 wurde der Familie Sohn Paavo, heute auch ein gefragter Dirigent, geboren. Zwei Jahre später kam Tochter Maarika, heute eine bekannte Flötistin, zu Welt. Als Nesthäkchen bekamen die Järvis 1972 den zweiten Sohn Kristjan, auch er ist ein bedeutender Dirigent und Pianist. So spricht man in der Welt heutzutage von der “Järvi-(Dirigenten-) Maffia”.

Neeme Järvi wurde in der Sowjetunion immer bekannter, er bekam ein Erlaubnis auch im Ausland zu dirigieren und hatte damit den Vorteil mit damaligen großen Solisten wie Emil Gilels, David Oistrahh, Leonid Kogan und Mstislaw Rostropowitsch zu arbeiten.

Aus dem gefeierten Dirigenten wird ein “Verräter”
Obwohl die Karriere von Neeme Järvi in Sowjetunion steil war, beantragte er im Herbst 1979 seine Entlassung als Chefdirigent des estnischen Staatlichen Symphonieorchesters. Seinen Ausreiseantrag hatte er schon zuvor gestellt.

Neeme Järvi war mit der Kulturpolitik der Kommunistischen Partei nicht einverstanden. Die Führung der sozialistischen Vereinigung verlangte von ihm, dass er seine ausländische Konzerte vom Kultusministerium bewilligen muss. Am 1. Oktober dirigierte Neeme Järvi zum letzten Mal in Tallinn, im Programm stand fast revolutionär ein Debüt der 10. Symphonie von Eduard Tubin (1905-1982). Überdies erkrankte sein Sohn Paavo. “In der Musikschule bekam jeder Schüler eine Tetanusimpfung, was bei einigen einen allergischen Ausfall auslöste. Die Wirkungen der Impfungen sollte vorher getestet werden, aber von der Obrigkeit kam der Befehl: Jeder wird geimpft”, erzählte Neeme Järvi nach der Zerfall des Sowjetreiches. “Weil wir unseren Ausreiseantrag schon gestellt hatten, wurden für Paavo keine Medikamente mehr verschrieben. Die Ärzte hatten einfach Angst, sich gegen den Parteibefehl zu stellen: Der Junge wurde sehr krank, seine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, dadurch nahm er extrem zu. Als wir in dann endlich in der Vereinigten Staaten ankamen, wurde Paavo schnell kuriert. Ich möchte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn wir länger in Estland geblieben wären.”

Neeme Järvi war mit der Ausreise in den feindlichen Westen für die Sowjetunion gestorben, seine Auftritte wurden im Radio oder Fernsehen nicht mehr ausgestrahlt. Ihm ging es genau so wie vielen anderen begabten Künstlern, die es wagten sich gegen das Sowjetregime zu stellen. Der gefeierte Musiker, der einst viel Ruhm für die Sowjetunion brachte, wurde jetzt zum “Verräter der sowjetischen Heimat” betitelt. Alle schriftlichen Hinweise auf Neeme Järvi wurden vernichtet. Seine 300 aufgenommenen Konzerte wurden nur noch anonym abgespielt.

Dann verbreitete der sowjetische Geheimdienst KGB im ganzem Land noch Verleumdungen: “Der Ex-Stardirigent lebt in den USA als Straßenmusiker”. Die kommunistische Verwaltungsbehörde konnte es nicht verkraften, dass der “Verräter” Järvi ein Gigant der westlichen Musikwelt wurde. Bald darauf verließ auch der Tonsetzer Arvo Pärt seine Heimat. In Sowjet-Estland musste er für acht Jahre verstummen, im Westen erlebte Tonkünstler eine neue Renaissance zur Beglückung eines jeden Musikfreundes.

Neeme Järvi und Arvo PärtNeeme Järvi und Arvo Pärt Neue Anfang in der USA
In den USA kamen Järvis im Januar 1980 an. Dort zog Maestro die Bilanz seines bisherigen Lebens als Sowjetbürger: “In dem von den Kommunisten okkupierten Estland musste ich vieles Blödsinniges machen. Ich musste Diktatur verlassen, ich musste mir die Freiheit nehmen, selbstständig zu denken und entscheiden. Nachhinein erkenne ich, dass ich schon früher hätte weggehen müssen.“

Im Westen begann der Este als freier Musiker, er gab seine Debütkonzerte mit dem New York Filharmonic Orchestra und dem Philadephia Orchestra für Jewgeni Swetlanow – der in der Sowjetunion festgehalten wurde. Neeme Järvis Name war der Musikwelt schon bekannt und so konnte er nach einigen Jahren freiberuflicher Tätigkeit 1982 den Posten des Chefdirigenten der Göteborger Sinfoniker besetzen, dieses Amt hatte er bis 2004 inne.

Nebenbei arbeitete der Este mit vielen anderen Top-Orchestern der Welt, unter anderem mit New Jersey Symphony Orchestra und Residentie Orkest Den Haag. Auch heute ist der Maestro immer noch hoch begehrt und viel gefragt. 2010 übernahm Järvi erneut das Eesti Riiklik Sümfooniaorkester (Staatliches Sinfonieorchester Estlands -ERSO). Trotz des erklärten Rücktritts im November 2010 wegen unzureichender Subventionen blieb er dessen künstlerischer Leiter. Seit 2011 ist er zusätzlich künstlerischer Leiter des Orchestre de la Suisse Romande und ab 2012 dessen Chefdirigent.

Fotos: Neeme Järvi in Ludwigsburg © Das Baltikum-Blatt / Werner Siebert

Maarika Järvi © Pressefoto von Aline Kundig

Andere Fotos: © Privatsammlung von Neeme Järvi

www.usedomer-musikfestival.de


Info:
Neeme Järvi zählt mit weit über 350 Aufnahmen zu den Dirigenten mit den meisten Tonaufnahmen. Kein anderer Dirigent hat dermaßen viele unbekannte Werke auf Tonträgern verfügbar gemacht. Seine Leistungen um unbekannte romantische und gemäßigte moderne Werke suchen daher ihresgleichen.

Eduard Tubin wird manchmal der „Sibelius Estlands“ genannt, denn seine Musik scheint Luft und Landschaft seiner Heimat in sich aufgenommen zu haben. Seine vierte Sinfonie entstand 1943 während der deutschen Besatzung Estlands. Ein Jahr später floh der Komponist mit seiner Familie nach Schweden. Knapp vierzig Jahre später brachte Neeme Järvi das Stück im norwegischen Bergen zur Zweitaufführung. Mit Neeme Järvi und Eduard Tubins Huldigung an Estland geht das Usedomer Musikfestival 2013 kraftvoll zu Ende. (Quelle: Usedomer Musikfestival)

Peeter Vähi, Jahrgang 1955 schloss sein Studium an der Estnischen Musikakademie (Schwerpunkt Komposition) in Tallinn 1980 ab. Danach hat er Musikprogramme für Radio Estonia geschrieben und freiberuflich als Musikproduzent gearbeitet. Zudem war Vähi künstlerischer Direktor mehrerer internationaler Musikfestspiele: des Festspiels der orientalischen Musik „Orient“, des Festivals „Glasperlenspiel“, des Arvo Pärt-Festivals und des Estnischen Kulturfestivals in Deutschland. sowie Mitglied der estnischen akademischen Orientalistengesellschaft. Charakteristika der Klangwelt Vähis sind eine großzügige stilistische Vielseitigkeit, schlichte, aber doch interessante Töne, geschickte Anwendung von exotischen Musikinstrumenten und elektronischen Geräten sowie ein Reichtum an Stimmungen, die vom philosophischen und nachdenklichen bis zur Strenge des Barocksatzes reichen.

(Quelle: Wikipedia)