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Usedomer Musikfestival: Neeme Järvi dirigiert Abschlusskonzert in Peenemünde

Maarika JärviMaarika JärviPrivatglück krönt die berufliche Forschritte
Nicht nur beruflich, auch privat ging es bei Neeme Järvi vorwärts – er heiratete seine Liilia, in die er sich während seines Studiums in Leningrad verliebt hatte. Die in Wladiwostok geborene Braut fing unter der Besichtigung von Oma Järvi fleißig an Estnisch zu lernen. 1962 wurde der Familie Sohn Paavo, heute auch ein gefragter Dirigent, geboren. Zwei Jahre später kam Tochter Maarika, heute eine bekannte Flötistin, zu Welt. Als Nesthäkchen bekamen die Järvis 1972 den zweiten Sohn Kristjan, auch er ist ein bedeutender Dirigent und Pianist. So spricht man in der Welt heutzutage von der “Järvi-(Dirigenten-) Maffia”.

Neeme Järvi wurde in der Sowjetunion immer bekannter, er bekam ein Erlaubnis auch im Ausland zu dirigieren und hatte damit den Vorteil mit damaligen großen Solisten wie Emil Gilels, David Oistrahh, Leonid Kogan und Mstislaw Rostropowitsch zu arbeiten.

Aus dem gefeierten Dirigenten wird ein “Verräter”
Obwohl die Karriere von Neeme Järvi in Sowjetunion steil war, beantragte er im Herbst 1979 seine Entlassung als Chefdirigent des estnischen Staatlichen Symphonieorchesters. Seinen Ausreiseantrag hatte er schon zuvor gestellt.

Neeme Järvi war mit der Kulturpolitik der Kommunistischen Partei nicht einverstanden. Die Führung der sozialistischen Vereinigung verlangte von ihm, dass er seine ausländische Konzerte vom Kultusministerium bewilligen muss. Am 1. Oktober dirigierte Neeme Järvi zum letzten Mal in Tallinn, im Programm stand fast revolutionär ein Debüt der 10. Symphonie von Eduard Tubin (1905-1982). Überdies erkrankte sein Sohn Paavo. “In der Musikschule bekam jeder Schüler eine Tetanusimpfung, was bei einigen einen allergischen Ausfall auslöste. Die Wirkungen der Impfungen sollte vorher getestet werden, aber von der Obrigkeit kam der Befehl: Jeder wird geimpft”, erzählte Neeme Järvi nach der Zerfall des Sowjetreiches. “Weil wir unseren Ausreiseantrag schon gestellt hatten, wurden für Paavo keine Medikamente mehr verschrieben. Die Ärzte hatten einfach Angst, sich gegen den Parteibefehl zu stellen: Der Junge wurde sehr krank, seine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig, dadurch nahm er extrem zu. Als wir in dann endlich in der Vereinigten Staaten ankamen, wurde Paavo schnell kuriert. Ich möchte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn wir länger in Estland geblieben wären.”

Neeme Järvi war mit der Ausreise in den feindlichen Westen für die Sowjetunion gestorben, seine Auftritte wurden im Radio oder Fernsehen nicht mehr ausgestrahlt. Ihm ging es genau so wie vielen anderen begabten Künstlern, die es wagten sich gegen das Sowjetregime zu stellen. Der gefeierte Musiker, der einst viel Ruhm für die Sowjetunion brachte, wurde jetzt zum “Verräter der sowjetischen Heimat” betitelt. Alle schriftlichen Hinweise auf Neeme Järvi wurden vernichtet. Seine 300 aufgenommenen Konzerte wurden nur noch anonym abgespielt.

Dann verbreitete der sowjetische Geheimdienst KGB im ganzem Land noch Verleumdungen: “Der Ex-Stardirigent lebt in den USA als Straßenmusiker”. Die kommunistische Verwaltungsbehörde konnte es nicht verkraften, dass der “Verräter” Järvi ein Gigant der westlichen Musikwelt wurde. Bald darauf verließ auch der Tonsetzer Arvo Pärt seine Heimat. In Sowjet-Estland musste er für acht Jahre verstummen, im Westen erlebte Tonkünstler eine neue Renaissance zur Beglückung eines jeden Musikfreundes.

Neeme Järvi und Arvo PärtNeeme Järvi und Arvo Pärt Neue Anfang in der USA
In den USA kamen Järvis im Januar 1980 an. Dort zog Maestro die Bilanz seines bisherigen Lebens als Sowjetbürger: “In dem von den Kommunisten okkupierten Estland musste ich vieles Blödsinniges machen. Ich musste Diktatur verlassen, ich musste mir die Freiheit nehmen, selbstständig zu denken und entscheiden. Nachhinein erkenne ich, dass ich schon früher hätte weggehen müssen.“

Im Westen begann der Este als freier Musiker, er gab seine Debütkonzerte mit dem New York Filharmonic Orchestra und dem Philadephia Orchestra für Jewgeni Swetlanow – der in der Sowjetunion festgehalten wurde. Neeme Järvis Name war der Musikwelt schon bekannt und so konnte er nach einigen Jahren freiberuflicher Tätigkeit 1982 den Posten des Chefdirigenten der Göteborger Sinfoniker besetzen, dieses Amt hatte er bis 2004 inne.

Nebenbei arbeitete der Este mit vielen anderen Top-Orchestern der Welt, unter anderem mit New Jersey Symphony Orchestra und Residentie Orkest Den Haag. Auch heute ist der Maestro immer noch hoch begehrt und viel gefragt. 2010 übernahm Järvi erneut das Eesti Riiklik Sümfooniaorkester (Staatliches Sinfonieorchester Estlands -ERSO). Trotz des erklärten Rücktritts im November 2010 wegen unzureichender Subventionen blieb er dessen künstlerischer Leiter. Seit 2011 ist er zusätzlich künstlerischer Leiter des Orchestre de la Suisse Romande und ab 2012 dessen Chefdirigent.

Fotos: Neeme Järvi in Ludwigsburg © Das Baltikum-Blatt / Werner Siebert

Maarika Järvi © Pressefoto von Aline Kundig

Andere Fotos: © Privatsammlung von Neeme Järvi

www.usedomer-musikfestival.de

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