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Estland: Soldaten Odins marschieren durch Tallinn

Indrek Olm, Gründer der Soldiers of OdinIndrek Olm, Gründer der Soldiers of Odinvon Aino Siebert

Ausgerechnet am estnischen Unabhängigkeitstag, dem 24. Februar, marschierten die „Soldaten Odins“ (Odin ist der König der Götter aus der nordischen Mythologie) mit ihren Anhängern durch die estnische Hauptstadt Tallinn und zeigten sich damit erstmals in Estland. Das Asylantenthema ist in der baltischen Republik ein neuer Nährboden, um den haltlosen Menschen bei der Radikalisierung zu helfen – genauso, wie es in der Bundesrepublik, die von dem ehemaligen Arrestanten Lutz Bachmann geführte fremdenfeindliche Bewegung Pegida sowie die Partei Alternative für Deutschland (AfD) tut.

Die bizarren Männer, in schwarzen Jacken mit dem Bild eines Wikingerhelmes auf dem Rücken, einige von ihnen zudem ehemalige Gefängnisinsassen, wollen angeblich Einheimische vor zugezogenen Immigranten und Asylbewerbern schützen. Ihrer Meinung nach ist die Polizei überlastet und kann ihre Augen und Ohren nicht überall haben. Nach eigener Darstellung wollen die selbsternannten Hilfspolizisten die Straßen in Estland sicher halten, denn die gesetzlichen Ordnungskräfte seien dazu nicht in der Lage. Dabei vertreten sie aber nicht nur eine fremdenfeindliche, sondern auch eine gewaltbereite Haltung.

Das russischsprachige Portal des britischen Rundfunkes BBC berichtete ebenfalls über diesen Fackelzug und stellte dabei fest, dass alle Kundgebungsteilnehmer hasserfüllte Gefühle gegenüber Zugezogenen zum Ausdruck gebracht haben. Einem der Führer der Bürgerwehr in Estland, Mihkel Markow, zufolge nahmen aus seiner Organisation an dem Marsch rund 50 Personen teil. Doch nur Einige von ihnen trugen eine „Odin-Uniform“. Grund dafür sei, so Markow, dass die bestellten Logos zum Annähen von der Herstellerfirma noch nicht geliefert worden seien.

Vom gemeinsamen Feind geeint

Obwohl die Esten bis dato keine warmen Gefühle gegenüber den in Estland lebenden Russen gezeigt haben, sind sie jetzt durch den „gemeinsamen Feind“, sprich die Schutzsuchenden, vereint. Der BBC zufolge zeigten die Fackelzug-Teilnehmer große Sympathien zu der in der Ostsee-Republik ansässigen russischsprachigen Bevölkerung.

„Wenn die Russen estnische Patrioten sind und Estland als eigene Heimat betrachten, haben wir nichts gegen sie, im Gegenteil, wir heißen sie willkommen. Doch von Asylbewerbern kann man kein Nationalgefühl zu unserer Heimat erwarten,“ sagt Indrek Olm, der Gründer von Soldiers of Odin Estonia. Olm erklärt weiter, dass er seit fünfzehn Jahren in Finnland lebt und schon alle Wellen von Schutzsuchenden gesehen habe: „Sie wollen nicht arbeiten. In Finnland ist inzwischen die zweite Flüchtlingswelle aus Somalia eingetroffen, doch niemand arbeitet.“ Woher Olm seine Informationen nimmt, und ob er eventuell alle Flüchtlinge selbst befragt hat, um eine Statistik zu erstellen, bleibt sein Geheimnis.

Olm ist in Estland vorbestraft. In einem Interview, das er für den estnischen Fernsehkanal TV 3 gegeben hat, bekennt der ehemalige Sträfling, dass er wegen seines kriminellen Hintergrundes nicht in die Freiwilligenarmee aufgenommen werden kann. „Doch niemand hat mir meine Bürgerrechte genommen, deswegen stehe ich in den Reihen der Soldaten Odins für meine Rechte,“ so Olm. Warum ein namenloser Führungssoldat aus der finnischen Hauptstadt Helsinki während des Interviews sein Gesicht versteckt hält, sprich warum er vor der Öffentlichkeit Angst hat, bleibt unklar. Unmissverständlich ist aber seine Ankündigung, bis zum Letzten gehen zu wollen. Olm erklärt die Aussage seines Organisationskollegen aus Finnland: „Wenn die Soldaten Odins sich einmischen müssen, so kann dies fatale Folgen haben.“

Ob der kriminelle Hintergrund einiger Odinskämpfer, ihre Forderungen und ihr Aussehen Vertrauen und Sicherheitsgefühl wecken, soll hier hinterfragt werden. Die Mitglieder erzeugen mit ihren Postulaten vielmehr Angstgefühle, auch bei diejenigen, die sie angeblich schützen. Die Mitglieder der Odin-Armee haben, wie das Interview zeigt, ein sehr geringes Bildungsniveau. Dementsprechend stellt sich die berechtigte Frage, ob, anstatt vor dem Handeln nachzudenken, die Odinskämpfer lieber gleich Fäuste benutzen. Dabei werden auch rechtliche Konsequenzen laut Olm durchaus in Kauf genommen.

Manona Paris, Chefredakteurin der Zeitschrift Naised (Frauen), bringt in der Wochenzeitung Maaleht (Landzeitung) vor: „Sollte ich in der Dunkelheit den »schwarzen Männern« begegnen, so würde ich die Straßenseite wechseln. Ich bin der Meinung, dass Hautfarbe und Religion alleine nicht taugen, um aus einem Menschen einen Kriminellen zu machen. Ich bin besorgt darüber, dass die Soldaten Odins einander erlauben, Kriminelle anzuwerben. Ich habe in Moskau fünf Jahre neben einer Moschee gelebt und nie Angst gehabt. Im Gegenteil, wenn ein russischer „Muschik“ (richtiger Mann) mir beim Tragen nicht geholfen hat, kam immer ein „Tsurka“ (Zugezogener aus Zentral-Asien) zur Hilfe.“Argo ZirkelArgo Zirkel

Argo Zirkel – Soldat mit langer Vorstrafenliste

Auch der zweite Anführer der noch nicht eingetragenen Organisation, Argo Zirkel, ist mehrfach auf die schiefe Bahn geraten. Dass ausgerechnet er nun für die Sicherheit der Kinder zuständig sein will, erscheint befremdend. Zirkel hat laut seinem Vorstrafenregister von einem Minderjährigen ein Mobiltelefon zum Telefonieren ausgeliehen aber nicht zurückgegeben. Somit hat er von einem Kind dessen Eigentum im Wert von 130 Euro erbeutet. Aber es kommt noch schlimmer: 2011 stand der Odinssoldat wegen Erpressung vor Gericht. Seit 2009 hatte er von einem Jugendlichen Geld erpresst, insgesamt mehr als tausend Euro. Alles in allem hat sein Strafregister siebzehn Eintragungen, unter anderem ist Zirkel wegen Misshandlung verurteilt worden. Das Gericht verordnete dem Mann Antiaggressionstraining. Warum die Soldaten Odins Zirkel aufgenommen haben, ist schleierhaft, denn eigentlich darf niemand bei der Gruppe mitmachen, der gegenüber einer Frau, einem Kind oder einem anderen Familienmitglied gewalttätig geworden ist oder sie sexuell missbraucht hat.

Die vom Gericht bestimmten Auflagen hat der mehrfach verurteilte Zirkel ebenso ignoriert. Wie die estnische Tageszeitung Eesti Päevaleht berichtet, wurde seine Bewährung gestrichen, weil der Bewährungshelfer die Freiheit für ihn als Risikofaktor nannte: Sein Schützling konsumiere neben Alkohol auch Drogen, sein Verhalten sei dadurch gewalttätig und impulsiv. Es wurde noch erwähnt, dass der Freundeskreis des jungen Kriminellen einen negativen Einfluss darstellte, genau so wie sein fehlender Wille, sich eine Arbeitsstelle zu suchen.Annika GraubergAnnika Grauberg

Eesti Päevaleht zufolge gehört zu der Gruppe noch Annika Grauberg von der linksorientierten Zentrumspartei (Keskerakond). Sie arbeitet als Juristin bei der Verwaltung des Tallinner Stadtteiles Mustamäe. Zirkel soll sie mehrfach konsultiert haben, unter anderem wegen der Registrierung der Organisation. Ein entsprechender Antrag sei am 31. Januar gestellt worden. Grauberg dementierte die Nachricht.

Info:

Dem estnischen Innenministerium zufolge hat Estland keine Flüchtlinge aufgenommen. Im Land leben 192 Menschen, deren Leben in ihrem Heimatland laut internationalem Recht im Gefahr ist. Der Großteil dieser Schutzsuchenden kommt aus der Ukraine.

In dem kleinsten baltischen Land leben Menschen aus 130 verschiedenen Staaten. Im vergangenen Jahr haben rund 5000 Ausländer eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Davon arbeiten 1659 Personen, 1468 sind wegen ihrer Familien zugezogen und 1145 wegen des Studiums. Die einzige Flüchtlingszentrale in Estland befindet sich im Dorf Vao im Landkreis Järvamaa, Gemeinde Koeru. (Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael)

Fotos: Facebook / Screenshoot

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