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Gute Russen diskutieren die Leningrad-Blockade nicht

 

Opfer der Blockade werden auf dem Wolkowo-Friedhof begraben, Oktober 1942 ©  Boris Kudojarow / Archiv RIA Nowosti / WikipediaOpfer der Blockade werden auf dem Wolkowo-Friedhof begraben, Oktober 1942 © Boris Kudojarow / Archiv RIA Nowosti / WikipediaDer oppositionelle russische Fernsehsender Doschd (Regen) steht offenbar vor dem Aus. Die drei größten Kabelnetzbetreiber haben ihn aus dem Angebot genommen, nachdem er zum 70. Jahrestag der Belagerung Leningrads - heute Sankt Petersburg - die Frage aufgeworfen hatte, ob mehr Menschen die Blockade überlebt hätten, wenn man die Stadt frühzeitig der Wehrmacht übergeben oder versucht hätte zumindest einen Teil der Bevölkerung zu evakuieren. Kritische Fragen sind in Putins Russland unerwünscht, meinen die christlich-konservativen Salzburger Nachrichten : "Das neue russische Geschichtsverständnis erlaubt es nicht, die fatalen Stalinschen Fehlentscheidungen in Frage zu stellen. Denn dann könnte man ja auch Putinsche Fehlentscheidungen in Frage stellen - und das kann der starke Mann im Kreml absolut nicht zulassen. Denn die Angst vor dem Machtverlust begleitet Putins politische Karriere von Anfang an. Als gelernter KGB-Mann geht es ihm stets darum, die Kontrolle zu behalten. Da stören unbotmäßige Fragen gewaltig. So muss ein weiteres halbwegs unabhängiges Medium um seine Existenz zittern - was wiederum der allgemeinen Lage in Russland entspricht."

Quelle: www.eurotopics.net

Info:
Als Leningrader Blockade bezeichnet man die Belagerung Leningrads (jetzt St. Petersburg) durch die deutschen und finnischen Truppen während des Zweiten Weltkrieges. Mit der Schließung des Blockaderings wurden alle Versorgungslinien für die Millionenstadt abgeschnitten und der Nachschub war nur noch über den Ladogasee in Karelien möglich. Allerdings war diese Route für die Erfordernisse der Stadt nicht ausgebaut. Die Blockade dauerte vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 an. Schätzungen gehen von etwa 1,1 Millionen Verlusten unter der Zivilbevölkerung aus. Die meisten dieser Opfer verhungerten. In der mondänen Newa-Metropole, den einst Zar Peter der Große bauen ließ, waren die Zustände grauenhaft, gerade im Winter 1941, als die Temperaturen auf minus 40 Grad fielen. Brennmaterial war knapp, aber noch schlimmer war der Hunger. Die Lebensmittelrationen bestanden teilweise nur aus 125 Gramm Brot. Die sowjetischen Behörden registrieren im ersten Blockadewinter 1941/42 mehr als 1000 Fälle von Kannibalismus. Der Massentod durch Verhungern wurde von den Deutschen gezielt herbeigeführt und ist in diesem Ausmaß weltweit beispiellos. Die Einschließung der Stadt durch die deutschen Truppen mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, war eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des Krieges gegen die Sowjetunion.Beschaffen von Wasser aus einer gebrochenen Leitung, Januar 1942 © Wsewolod Tarasevich / Archiv RIA Nowosti / WikipediaBeschaffen von Wasser aus einer gebrochenen Leitung, Januar 1942 © Wsewolod Tarasevich / Archiv RIA Nowosti / Wikipedia

Die Abwehr wurde von 30 Divisionen der Roten Armee geleistet, die unter Beteiligung von nahezu einer halben Million Einwohner stark befestigte Stellungen aufgebaut hatten. Bei der Verteidigung Leningrads setzten die Sowjets erstmals den gefürchteten Raketenwerfer "Stalinorgel" (Katjuscha) ein. Die 900 Tage anhaltende Belagerung wurde für die Bürger zum Symbol ihres Widerstandswillens.

Ohne den Schuld der Deutschen zu relativieren, stellt sich dennoch die durchaus berechtigte Frage, warum hat Stalin nicht durchgegriffen? Warum versuchte er mit seinem Roten Armee seine leidende Landsleute nicht zu retten? Wollte er nicht oder konnte er nicht? Diese Frage beschäftigt auch die russische Bevölkerung.

Schauen wir auf die Hinterngrund. Der Kremlchef hat noch kurz vor der Beginn der Hitlers Operation Barbarossa am 22. Juni 1941 große politische Schauprozesse, sogenannte „Säuberungen“ durchgeführt. Sie erreichten ihren Höhepunkt im Großen Terror von 1936-1938. Am 11. Juni 1937 meldete die sowjetische Presse, dass ein Militärgericht Michail Tuchatschewski, Marschall der Sowjetunion und stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung, zusammen mit sieben anderen Generälen zum Tode verurteilt habe. Der Vorwurf lautete auf Hochverrat und Spionage, insbesondere zu Gunsten des nationalsozialistischen Deutschland. Zusammen mit Tuchatschewski waren weitere ranghohe Militärs festgenommen und unter Folter zu Geständnissen gezwungen worden. Innerhalb von neun weiteren Tagen verhafteten die Staatssicherheitsorgane 980 hohe Offiziere und Politkommissare. 1937 und 1938 wurden von den rund 178.000 militärischen Führungskräften bis zu 35.000 verhaftet. Die Rote Armee verlor in den beiden Jahren der „Säuberungen“ etwa doppelt so viele Generäle wie im gesamten Zweiten Weltkrieg. Ähnlich verhielt es sich mit den Seestreitkräften.Die fünf Marschälle der Sowjetunion im November 1935 (von links nach rechts): Michail Tuchatschewski, Semjon Budjonny, Kliment Woroschilow, Wassili Blücher, Alexander Jegorow. Nur Woroschilow und Budjonny überlebten die Säuberung © Unbekannte Autor / WikiDie fünf Marschälle der Sowjetunion im November 1935 (von links nach rechts): Michail Tuchatschewski, Semjon Budjonny, Kliment Woroschilow, Wassili Blücher, Alexander Jegorow. Nur Woroschilow und Budjonny überlebten die Säuberung © Unbekannte Autor / Wiki

Welche Auswirkung hatten diese blutige Abrechnungen Stalins auf die Blockade von Leningrad? Hatte der Diktator nach der Enthauptung seiner Armee überhaupt noch die militärische Kraft zum durchzugreifen? Denn er musste mit der deutlich geschwächten Roten Armee noch andere russische Städte gegen rapiden Vormarsch der Deutschen verteidigen. Wie schwach sein Heer war, zeigte schon der militärische Angriff gegen Finnland (Winterkrieg) am Anfang, den die Rote Armee gegen das kleine Nachbarland nicht gewinnen konnte. Dazu kam noch, dass das militärische Technik der Sowjets hoffnungslos veraltet war.

Zwischen 1939 und 1941 wurden etwa 11.000 Verhaftete wieder in den Militärdienst übernommen. Der Mangel an Führungskräften durch die umfangreichen „Säuberungen“ der Roten Armee konnte anders nicht aufgefangen werden, da die bis 1939 nachrückenden Offiziere nicht die erforderliche Führungsqualifikation erreichen konnten.

Ferner muss man erwähnen, dass neben Offiziere ließ Stalin noch die politische Führungselite der Stadtverwaltung und örtlichen kommunistischen Partei in Leningrad beseitigen, unter anderem 1934 den dortigen Parteichef Sergei Kirow. Unter Bevölkerung geachtete Kirow wurde nach seine Rückreise aus Moskau, wo er Kremlherrschen getroffen hatte, von einem Arbeiter auf dem Weg in sein Arbeitszimmer erschossen. Ihm folgten Lew Kamenew und Grigori Sinowjew. Stalin behauptete, dass ein „Leningrader Zentrum“ zusammen mit einem „Moskauer Zentrum“ staatsfeindliche Aktivitäten durchgeführt hätte. 1935 unterzeichnete Diktator einen Beschluss des Politbüros, der die Verbannung von mehreren Hundert ehemaligen Anhängern Sinowjews aus Leningrad nach Sibirien anordnete.

(Quelle: Wikipedia / Zeit / Deutsches Historisches Museum / asie)


Zu empfehlen:
Alan Bullock „Hitler und Stalin“, Verlag Siedler
Simon Sebag Montefiore „Stalin: Am Hof des roten Zaren“, Fischer Verlag

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