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München-Debüt von Mirga Gražinytė-Tyla

Litauische Dirigentin Mirga Gražinytė -TylaLitauische Dirigentin Mirga Gražinytė -TylaVon Tauno M. Lang, München

In der hektischen Vorweihnachtszeit muss man schon sehr intensiv danach suchen, eine Kultur- Veranstaltung zu finden, bei der einem schöpferische Muße gegönnt wird (immerhin weist der Kirchenjahresbeginn mit seiner violetten liturgischen Farbe seit alters her auf eine Buß- bzw. Fastenzeit hin). Dass es auch anders geht und wie, war am vergangenen Samstag (14. Dezember) im Münchner Prinzregententheater mit innerer Anteilnahme und Freude zu erleben. Den Advent haben Chor und Instrumentalisten des Bayerischen Rundfunks und die Litauerin Mirga Gražinytė -Tyla am Pult mit einem außergewöhnlichen Konzert im ureigentlichen Sinne beim Wort genommen: Aufbruch aus besinnlicher Stille und der Heiligen Nacht entgegen gehen. Das tiefschürfende Programm war mit Kompositionen des 20. Jahrhunderts zusammengestellt, die konzeptionell vom Dunkeln in die Helligkeit hinein führte.

Zur Einstimmung der musikalische Winterreise war die Vertonung „Un soir de neige“ („Ein Abend voller Schnee“) von Francis Poulenc nach Gedichten von Paul Éluard zu hören. Die kleine Kammerkantate, komponiert in den Weihnachtstagen 1944, will die Gedanken nicht freigeben an die düstere Zeit der Besetzung Frankreichs, aber dennoch blitzen nahezu unmerklich versöhnliche Hoffnungsschimmer durch.

Erstes Licht ins Dunkel brachte dann „Cantico delle creature“ („Sonnengesang des heiligen Franziskus“), eine Vertonung aus Mitte der 1990er Jahre an diesem Abend. Die litauischen Komponistin Kristina Vasiliauskaité hat den altitalienischen Text aus dem Mittelalter für Doppelchor a cappella gesetzt. Dafür ist sie in ihrem Heimatland mit Preisen ausgezeichnet worden, denn der strahlende Lobgesang vom Schöpfer aller Dinge will mit seinen heilsamen Klängen im Hörer Resonanz finden. In der Reihe „Paradisi gloria“ wird das Werk im Januar kommenden Jahres in der Herz-Jesu-Kirche von München-Neuhausen dann in der Fassung für Streichquintett und Flöte zu hören sein. Überhaupt, so die Litauerin, die aus einer Musikerfamilie stammt, eröffnet die sakrale Musik bzw. Chormusik immer wieder eine große Ausdrucksvielfalt nach den religiösen Verwerfungen zu Zeiten kommunistischer Heilslehren.

Mit „Lauda per la natività del Signore“ („Lobgesang zur Geburt des Herrn“) von Ottorino Respighi aus dem Jahre 1930 steuerte das Konzert einem ersten Höhepunkt für Soli, Chor und Instrumente entgegen. Darin wird mit Andacht ein mittelalterliches Krippenspiel farbenfroh nach den Versen des Franziskaners Jacopone da Todi entworfen, das musikalisch an Traditionen früherer Epochen bis zur Gregorianik anknüpft. Im überschäumenden Gloria der Lauda kulminiert die Weihnachtsfreude, um in den letzten Takten im Amen meditativ klingend zu verströmen.

Mit Spannung wurden nach der Pause die „Sieben Magnificat-Antiphonen“ von Arvo Pärt erwartet, die liturgisch jeweils in der Vesper an den sieben Tagen vor dem Heiligen Abend gesungen werden. Der A-cappella-Chorsatz geht ursprünglich auf eine Auftragskomposition zum 40-jährigen Bestehen des RIAS-Kammerchors zurück, denn der Este lebte 1988 im Berliner Exil. Die Wechselgesänge münden nach der Anrede des erwarteten Messias in den Ruf „Komm!“, also im Deutschen und nicht im altehrwürdigen Latein, der bevorzugten Sprache Pärts, der Mutter-Sprache Europas. („Man muss Gott anflehen und wenn es sein muss, auch herab singen“, eine alte Weisheit, die auch zu Wort kommt im Advents-Choral „O Heiland, reiß die Himmel auf!“) Davon weiß auch der Wort- und Klang-Mensch Arvo Pärt. In der Mitte des Chorstückes unüberhörbar die verzweifelten Schreie „O komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes!“ Das erinnert an die denkwürdige „Singende Revolution“, die am 11. September vor 25 Jahren, ihren Anfang genommen hat und an deren Ende die Befreiung der Esten, Letten und Litauer stand. Und ein freudiger Zufall der Geschichte ist, dass Arvo Pärt auch am 11. September Geburtstag hat.

Zu Weihnachten feiert die Christenheit den Geburtstag von Gottes Sohn und die Musikwelt erinnert in diesem Jahr an den 100. Geburtstag von Benjamin Britten. Deshalb stand zum Abschluss des Konzertabends „A Ceremony of Carols“ („Ein Kranz von Lobechören) von 1943 nach alt-englischen Weihnachtsliedern auf dem Programm, unter Begleitung von Uta Jungwirth an der Harfe. Der englische Komponist, Pianist und Dirigent hat es selbst einmal „eine beinahe Weihnachtsmusik“ genannt und das passt klanglich in die vorweihnachtliche Adventszeit. Eingerahmt vom „Hodie Christus natus est“ („Heute ist Christus geboren“), als gregorianischen Choral, entfaltet sich eine geradezu kindlich-spielerische Himmelsmusik mit unterschiedlichen Liedtypen und Kompositionsformen, wobei aus dem Chor vereinzelt Stimmgruppen als auch Sologesang hervortreten. Der mächtige Chorgesang klingt dann abermals mit dem gewaltigen „Gloria in excelsis Deo“ („Ehre sei Gott in der Höhe“) und dem „Alleluia“ („Lobe den Herren“) unisono aus.

Die berührten Konzertbesucher applaudieren stürmisch dem Chor und Mirga Gražinytė-Tyla für den musikalischen Glanz. Bei der Zugabe „Es ist ein Ros entsprungen“ ist es wieder ganz mucksmäuschenstill im Theaterraum und nach dem letzten Ton erneut großer Beifall. Daraufhin stimmt die junge Dirigentin mit dem Chor nochmals das „Alleluia“ an und sie gehen -nicht nur zur Überraschung des erstaunten Publikums- dabei klangvoll von der Bühne. Mirga Gražinytė-Tyla hat mit dem wunderbaren Chor des Bayerischen Rundfunks und den hervorragenden Musikern aus dem Hause ihr Münchner Debüt mit Bravour und Furore gegeben. Da capo! („Mirga go on!“)

Die junge Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla, mit gerade einmal 28 Jahren, kann schon heute auf eine äußerst bemerkenswerte Karriere zurückblicken. In der litauischen Hauptstadt Vilnius geboren, wächst sie in einer Musikerfamilie auf (der Vater ein Chordirigent, die Mutter eine Pianistin und die jüngeren Geschwister erringen als junge Pianisten mittlerweile internationale Preise). Bereits mit 11 Jahren steht ihr Berufswunsch unabänderlich fest: Musikerin, genauer gesagt Chordirigentin. Dieses Ziel verfolgt sie in einem ersten Schritt -auch unter den Augen des Vaters als Musikdozenten- an der renommierten Nationalen Mikalojus-Konstantinas-Čiurlionis-Kunstschule ihrer Geburtsstadt, benannt nach dem berühmten litauischen Maler und Komponisten. (Vytautas Landsbergis, ehemaliges Staatsoberhaupt, Pianist und Musikwissenschaftler hat 1969 mit einer Arbeit über Leben und Werk von Ciulionis promoviert) Der weitere Weg führt die Litauerin nach Graz, um hier Studien für Chor- und Orchesterdirigieren zu vertiefen und danach folgen Leipzig, Bologna sowie Zürich als weitere Stationen mit Stipendien und Meisterkursen. Sie nimmt in dieser Zeit an internationalen Wettbewerben für Chor- und Orchesterdirigieren teil und wird dabei mit Preisen ausgezeichnet (Ungarn, Norwegen und Deutschland) und auch Maestro Kurt Masur lädt sie zu seinem Beethoven-Dirigentenseminar 2009 nach Bonn ein.

Am Theater Heidelberg wird sie 2010 dann Zweite Kapellmeisterin und sammelt erste Erfahrungen am Musiktheater, aber auch mit namhaften Orchestern arbeitet sie zusammen, wie etwa dem MDR Symphonieorchester Leipzig oder der Camerata Salzburg. In den Fokus der Musiköffentlichkeit gerät Mirga Gražinytė-Tyla schlagartig, als eine internationale Jury sie als erste Frau bei den Salzburger Festspielen im April 2012 mit dem begehrten Young Conductors Award auszeichnet. Ihre Karriere beginnt nun in diesem Jahr atemberaubende Züge anzunehmen, denn als Dudamel-Fellowship springt sie im Januar während des Konzerts mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra für den gesundheitlich angeschlagenen Dirigenten Ludovic Morlot ein, der nach dem ersten Stück den Taktstock aus der Hand legen musste. Aus dem Stand begleitet sie erfolgreich den Pianisten Emanuel Ax mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 25 C-Dur und „rettet“ schließlich auch mit Beethovens Fünfter, der sogenannten „Schicksalssymphonie“ den Konzertabend – Stille, aber dann brechen enthusiastische Ovationen unbeschreiblichen Ausmaßes aus… Im Sommer ein Konzertieren mit dem Symphonieorchester der Komischen Oper Berlin und dem lettischen Geiger Gidon Kremer. Mit ihm wird sie 2014 auf große Tournee durch Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen.

Seit dieser Spielzeit ist Mirga Gražinytė-Tyla in der Schweiz als 1. Kappellmeisterin am Theater Bern tätig, ein weiterer Mosaikstein auf ihrem Weg, wobei die Zusammenarbeit mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und seinen Musikern beim Münchner Konzert als Meilenstein zu sehen ist.

Der BR-Klangkörper ist schon heute auf den ausgesuchten Podien der Welt gesucht bzw. zuhause und spielt mit ihrem Chefdirigenten, dem Letten Mariss Jansons, in der internationalen Liga ganz vorne mit. Es ist auffällig, dass aus den baltischen Ländern Dirigentenpersönlichkeiten kommen, die auf einen reichen Erfahrungsschatz (in der Kindheit angesammelt) der A-cappella-Chorarbeit zurückgreifen können. Die Dirigentinnen sind dabei ganz stark im Kommen, wie bereits an den beiden Estinnen Anu Tali und Kristiina Poska und jetzt an der Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla festzustellen ist. Das macht Mut, dass zukünftig dem Chorgesang wieder viel mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Der Bayerische Rundfunk könnte darin seine exponierte Aufgabe sehen und wieder „klein“ damit beginnen, vielleicht so, wie einstmals aus dem Funkstudio zu hören war: „Es singt der Kinderchor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rudolf Kiermeyer…“

Das Konzert im Prinzregententheater war schon im Advent eine schöne Bescherung und so gesehen und vor allem so gesungen, kann Weihnachten alle Jahre wieder mit dem Heiligen Abend und dem Kind in der Krippe kommen: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen...“

Info:
Euroradio-Weihnachtstag mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und Instrumentalisten unter Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla

Sonntag, 22. Dezember 2013, 18.00 Uhr
aus dem Funkhaus München, Studio 1:

Live-Übertragung auf BR-Klassik von
Ottorino Respighi „Lauda per natività del Signore“
Benjamin Britten “A Ceremony of Carols”, op. 28

(wird auch Live in 56 Länder übertragen)

Foto: © Jan E. Siebert

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