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Juhan Liiv lebt im Herzen der Esten weiter

Juhan LiivJuhan LiivVon Tauno M. Lang und Kaie Heilander, München

In Goethes Faust zermartert sich der Universalgelehrte in seinem berühmten Monolog mit Unverstand Herz und Seele, weil er erkennen will, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Zeuge der selbst auferlegten Pein wird dabei sein Famulus Wagner, ein verknöcherter Buchgelehrter mit hinkender Seele, eben ein fortschrittsgläubiger Reagenzglas-Genetiker, dem jegliche Naturnähe abhanden gekommen ist. Kümmerlich und lebensfern zugleich seine Worte „Verzeiht, ich hört’ euch deklamieren. Ihr last gewiss ein griechisch Trauerspiel?“ Nein, er hat so gar nichts verstanden, der pedantische Schleicher und auch mit ihm ist’s ein Trauerspiel.

Matthias Claudius aber, hat mit „Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel“ nicht viel Worte gemacht und damit den wahren Kern des Lebens getroffen: Die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch kann ohne sie nicht leben.

Diese Erkenntnis hat Juhan Liiv zeit seines Lebens aus eigener Anschauung der Natur gewonnen. Aber wer bitte, ist Juhan Liiv? In Estland zählt er zu den bekanntesten Dichtern und Schriftstellern und jedes Schulkind weiß von ihm und kennt viele seiner Gedichte. Im übrigen Europa, aber auch in der literarischen Welt ist sein Schaffen unbekannt.

Juhan Liiv, geboren 1864 in Alatskivi, wächst zur zaristischen Zeit als Jüngster in einer kinderreichen Kleinhäuslerfamilie auf. Trotz der äußerst bescheidenen Verhältnisse wird großer Wert auf Bildung gelegt und weil für ihn das Schulgeld bezahlt wird, kann er das angesehene Hugo-Treffner-Gymnasium in Tartu besuchen.

In späteren Jahren wird er als Mitarbeiter für verschiedene estnische Kulturzeitschriften tätig sein, bis er damit beginnt als freischaffender Schriftsteller zu leben. Einsam und getrieben von dem, was er in seiner Welt aufsaugt, entstehen an die 1000 Gedichte, die vielfach von seinen Zeitgenossen nicht verstanden werden. Es bleibt nicht aus, dass Juhan Liiv gemütskrank wird, bis hin zu depressiver Erkrankung. Aber ungeachtet dessen, klingt in seiner Naturlyrik und in der Liebe zur estnischen Heimat eine poetische Sprache an, die um das fragile Individuum in einer emotional leergefegten Welt weiß. Juhan Liiv ist ein stiller und scheuer poetischer Poet und im Wohlklang seiner melodischen Verse schwingt eine sanfte Kraft als zauberhaftes Geheimnis – ein stiller Urknall in der Natur der Seele und in der Seele der Natur.

Das Tallinner Ensemble NO99 hat mit seiner Hommage auf Juhan Liiv „Iga eht südamelöök“ (deutsch „Jeder echte Herzschlag“) im vergangenen Sommer an der ersten Sprechbühne Deutschlands, den Münchner Kammerspielen, große Aufmerksamkeit und Resonanz erfahren. Etwa, wie das berühmte Liiv-Gedicht „Lumehelbeke“ (deutsch „Schneeflöckchen“) in die Stille hinein estnisch rezitiert wurde. Eine zarte Miniatur, das wie ein Kindergedicht klingt und zum Ende hin mit „Frieden sucht Dich – Stille, Stille…“ eine unerwartete Wendung nimmt und dabei ein erwachsenes Publikum ergriffen zuhört. Und als die wunderbare estnische Schauspielerin Mirtel Pohla überraschend das Liiv-Lied „Ta lendab mesipuu poole“ („Sie fliegen zurück zum Honigbaum“) allein auf der Bühne zu singen beginnt, werden die Zuhörer geradezu in einen kontemplativen Spannungszustand versetzt. Eine Situation, die verspüren lässt, dass die Liedmelodie ohne mühevolle Anstrengung dem vitalen Sprachduktus des Liedes mit Leichtigkeit und Empfänglichkeit zu schweren Gedanken folgen kann.

Es ist ein inhaltsreiches und symbolträchtiges Lied der Esten: Zur Sprache kommt darin, dass die Bienen immer den natürlichen Drang haben, dorthin zurück zu fliegen, woher sie gekommen sind, auch wenn sich tödliche Hindernisse in den Weg stellen. Also zu ihrem Bienenvolk, das -wörtlich übersetzt- in einem „Honigbaum“ lebt. Bienen, die in einem abgestorbenen Baum leben, sind freie Bienen, nicht gezüchtet und nicht domestiziert, denen der Imker ihren gesammelten Honig wegholen kann und so der Ausbeutung anheim fallen. Wer die Geschichte der Esten kennt, der weiß auch von ihrer großen Freiheitsliebe und der Liebe zur estnischen Heimaterde zu erzählen.

Juhan Liiv ist das einzigartig und auf unnachahmliche Weise gelungen und die Literaturgeschichte berichtet dazu, dass ihn sorgenvolle Gedanken darüber in den Wahnsinn getrieben haben sollen.

Estlands großer Dichter ist am 1. Dezember 1913 nach einem entbehrungsreichen Leben in der Nähe von Tartu gestorben. Es war ein ereignisreiches Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges:

Mit Büchners Woyzeck kommt das erste Sozialdrama mit einem Antihelden aus der Unterschicht auf eine Bühne und das Münchner Residenztheater legt mit der Uraufführung erstmals eine klaffende, offene Wunde frei. Stalin hält sich im Januar in Wien versteckt und brütet über der nationalen Frage, während der gescheiterte Maler Hitler dort im Männerwohnheim Unterschlupf findet. Beide sind Spaziergänger im Park von Schloss Schönbrunn, begegnen sich aber nicht, jedenfalls nicht bewusst. Auch später nicht persönlich, als sie 1939 den verhängnisvollen Pakt schließen, der auch Estland unter Hammer und Sichel zwingt. Die sowjetische Vormundschaft hat zum gähnenden Vergessen genötigt, denn allein im kulturellen Bewusstsein Westeuropas ist Juhan Liiv mit seiner schlackenlosen Poesie bis heute inexistent. Die Gralshüter der estnischen Literatur sind daran zu erinnern, Juhan Liiv für ganz Europa neu zu entdecken, freizugeben und ihm auch den gebührenden Platz in der Weltliteratur zu verschaffen. Das würdige Erinnern hat Juhan Liiv nach 100 Jahren in der Versenkung wahrlich lebhaft verdient.

 

Lumehelbeke   Schneeflöckchen
Juhan Liiv                             
(1891)                             

Lumehelbeke
tasa, tasa
liugleb aknale,
tasa… tasa…

Nagu viibiks ta
tasa, tasa,
mõtleks tulles ka:
tasa, tasa!

Miks nii tuksud, rind?
Tasa, tasa!
Rahu otsib sind -
tasa, tasa… 

    

Schneeflöckchen
leise, leise
schwebt aufs Fenster,
leise… leise…

Als würde es sich weilen
leise, leise,
bei Ankunft denken:
leise, leise!

Warum klopft so das Herz?
Leise, leise!
Frieden sucht dich -
leise, leise...

     
    (Direkte inhaltliche Übersetzung)


 

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