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in Memoriam Édith Piaf

Von Tauno M. Lang, München

Der Erste Weltkrieg hatte mit dem erstmaligen Einsatz von Giftgas eine schreckliche Dimension erreicht als Édith Giovanna Gassion in das Milieu der Gosse von Paris hinein geboren wird. Der holprige Weg zu Beginn auf diesem Erdenrund war nicht nur widerwärtig und schäbig, sondern ein Sammelsurium aus Verwahrlosung, Not und Elend und vielem mehr. Auch in den kommenden Jahren ist es ihr nicht erspart geblieben, sich mehr schlecht als recht in einer Epoche gesellschaftlicher Umwälzungen und Zusammenbrüche durchzuschlagen und über Wasser zu halten.

Tingelt in der Halbwelt von Ganoven und Prostituierten durch die weniger vornehmen Pariser Stadtviertel mit ihren Kneipen und Hinterhöfen als Straßensängerin. Allerdings mit einem Timbre in der Stimme, das fasziniert und aufhorchen lässt. Hinreißend kraftvoll und voller Leidenschaft singt dieses blutjunge Geschöpf ihre Chansons. Ein glücklicher Zufall will es, dass der Nachtclubbesitzer Louis Leplée sie hört und auf der Stelle für sein Le Gerny’s engagiert, denn das weiß er: er hat da einen außergewöhnlichen Solitär entdeckt. Das verwöhnte und mondäne Publikum feiert sie mit frenetischem Beifall nach ihrem ersten Auftritt und die Pariser Gazetten überschlagen sich in Superlativen. Die zierliche, nur 1,47 Meter große Frau, ist in diesem Augenblick „La Môme Piaf“ (Der kleine Spatz) bzw. der „Spatz von Paris“ und wie ein Komet am nächtlichen Himmel des französischen Chansons aufgestiegen. Unüberhörbar und bahnbrechend, denn ihr weiterer Durchbruch ist nicht mehr aufzuhalten, Schallplatten werden eingespielt und der Anfang zur sagenhaften Karriere als internationaler Weltstar ist gemacht.

Auf Édith Piaf wartet weiterhin ein spannungsreiches Leben voll von Brüchigkeit und Hingabe. Ihre Konzerttouren führen sie zu Engagements durch Europa, USA und Südamerika und sie füllt die großen Hallen. Donnernder Applaus empfängt die Piaf, wenn sie nur ihren Fuß auf die Bühne setzt. Die Herzen ihres Publikums fliegen ihr dann im Sturm zu, ist elektrisiert und außer Rand und Band. Mit ihrer urgewaltige Stimme bringt sie Worte zum Klingen, die die Menschen in aller Welt erreichen, auch wenn sie kein Französisch verstehen. Ihre Lieder werfen das Licht auf Gestalten der sonnenabgewandten Seite des authentischen Lebens, wo heiß geliebt und eiskalt gehasst wird, keine Metaphern verbrauchter Seligkeit. Der Dreck der Straße mit den besseren Herrn und den Hafenhuren wird nicht verschwiegen, denn das ist auch Teil ihrer Erlebniswelt von klein auf und wovon sie überzeugend zu singen weiß. Namhafte Künstler aus der großartigen Kulturszene Frankreichs wollen für sie Texte schreiben und die Melodien dazu komponieren. Allein die kongeniale Marguerite Monnot -von ihr stammt auch die Musik zu „Irma la Douce“- wird über ein Vierteljahrhundert mit ihren erfolgreichen Kompositionen Pathos und Melancholie der Piaf treffen.

Die Jahre nach dem halbwegs überstandenen 2. Weltkrieg sind eine Zeit des Aufbruchs aus seelischen Ruinen und eines schier unersättlichen Lebenshungers. Der exzentrische Lebensstil der Piaf und ihre Chansons treffen voller Wucht diesen Lebensnerv, wenn sie sich demonstrativ über herkömmliche Konventionen hinwegsetzt. Das zieht die Männerwelt scharenweise in den Bann, die ihr dann begeistert zu Füßen liegt. Eine heftige Liason löst die andere ab oder wird ihr gar genommen. Der Boxweltmeister Marcel Cerdan, ihre große Liebe, stürzt auf dem Weg zu ihr mit dem Flugzeug ab. Der Schock sitzt tief und das bleibt nicht ohne Folgen. Es beginnt die Zeit ihrer gesundheitlichen Abstürze mit Drogenrausch, Medikamentenabhängigkeit, Alkoholexzessen, Entziehungskuren, Operationen, Zusammenbrüchen und schließlich wird der kleine Spatz nur noch 36 Kilo wiegen und mit einer unheilbaren Krebserkrankung zu kämpfen haben. Und das tut sie und stemmt mit all ihrer noch verbliebenen Kraft -vor allem für ihr Publikum, ihr Lebenselixier- dagegen an: Die Piaf singt!

Auch mit George Moustaki hat sie eine leidenschaftliche Affäre und er ist es, der den Text zu „Milord“ schreibt, eines ihrer berühmtesten Chansons. Sie hat seine Karriere beflügelt, wie auch die von Yves Montant, Paul Meurisse, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Eddie Constantine….

Auf ihrer letzten Wegstrecke bricht sie einen handfesten Skandal in aller Öffentlichkeit vom Zaun: Sie heiratet nochmals, allerdings den zwanzig Jahre jüngeren Sänger Théo Sarapo. Es hungerte sie zeitlebens nach Liebe und Geborgenheit und „La Vie en Rose“ (Leben durch die rosarote Brille) war ihr Text, auch im pulsierenden Leben. Unnachahmlich ihr rollendes „R“ aus voller Kehle, wie überhaupt alles, was diese einzigartige Frau mit ihrer verzaubernden Stimme bis heute in den Ohren und Herzen der Menschen zum Klingen bringt.

Edith Piaf hat als Ikone des französischen Chansons im Oktober vor 50 Jahren in Paris mit gerade mal 47 Jahren die Weltbühne verlassen. Als Jean Cocteau anderntags von ihrem Tod erfährt, soll er noch gesagt haben: „Edith Piaf sei als Stern am Nachthimmel Frankreichs verglüht.“ Dann stirbt auch er, ein Herzinfarkt ist es, der sein Lebenslicht auslöscht. Paris trauert bewegt und zu Abertausenden geben die Menschen der Piaf das letzte Geleit zum Cimetière du Pière Lachaise.

Generationen übergreifend sind wir heute noch immer von ihrer Stimme ergriffen, besonders wenn sie mutig und trotzig singt: „Non, je ne regrette rien!“ – „Nein, ich bereue nichts!“

Info
Der 72-jährige Piaf-Verehrer, Bernard Marchois betreibt in Paris ein privates Edith-Piaf-Museum, das besucht werden kann:

Musée d’Edith Piaf
5, rue Crespin-du-Gast
75011 Paris

Öffnungszeiten Oktober-Mai: Montag bis Mittwoch von 13-18 Uhr und Donnerstag von10-12 Uhr und nur nach Voranmeldung unter Tel.-Nr. +33 1 4355 5272

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