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Wer kennt August von Kotzebue?

 

 Alexander Košenina, Professor an der Leibniz-Universität Hannover, widmete sich unter der Überschrift „Was die Deutschen lasen und sahen, während ihre Klassiker schrieben“ ausführlich Kotzebue als dem Theatermacher seiner Zeit. Quintessenz seiner lebhaft und brillant vorgetragene Rede, die man im Wesentlichen als recht deutliche Kritik an den sogenannten Klassikern Goethe und Schiller – vornehmlich Goethe – werten kann, war die Hervorhebung der demokratisierenden Wirkung des Theaters Kotzebuescher Prägung. Das nicht im Sinne des heute mitunter zu einer politischen Floskel verkommenen Demokratiebegriffes, sondern einer Kultivierung einer selbstbewussten und kritisch reflektierenden bürgerlichen Identität.

Košenina brachte in Erinnerung, dass Schiller nach seinen anfänglichen fast revolutio- nären Thesen zur Wirkung und Funktion des Theaters umkehrte und in den Elfenbeinturm der Weimarer Klassik einging. Die erfolgreichsten Theaterautoren jener Zeit, Kotzebue und Iffland, blieben hingegen konsequent auf ihrem Weg. Dem Hunger des Publikums nach den ihnen vertrauten Themen wurden beide durch ihre außerordentliche Produktivität gerecht. Kotzebue verfasste über 230 Stücke, Iffland über 70. Themen aus dem realen Leben waren das Geheimnis des Erfolgs und damit auch ein Mittel zur ästhetischen Erziehung. Quasi Kontrastprogramme waren beispielsweise Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und Kotzebues „Indianer in England“.

Der Verfasser kann es sich an dieser Stelle nicht verkneifen, etwas Persönliches zu erwähnen. Sein Deutschlehrer am Gymnasium hat die Klasse wochenlang mit der „Iphigenie“ gequält (währen wir seiner Meinung nach für den „Faust“, 1. Teil, zu dumm und unreif waren), und uns auf diese Weise der Klassik mehr als entfremdet.

Die aus China stammende US-amerikanische Dozentin Chunjie Zhang von der University of California in Davis befasste sich (in nahezu akzentfreiem Deutsch) analytisch unter dem Schlagwort „The New World: Kotzebues Beitrag zur interkulturellen Verständigung“ detailliert mit einem seiner Theaterstücke. Leider steht dem Verfasser der Text ihrer Rede zur Auffrischung seines Gedächtnisses nicht zur Verfügung.

Es bleibt abschließend festzustellen, dass Kotzebues ungeheure Erfolge auf den großen Bühnen in aller Weltfeiern konnte, während namentlich Goethe mit Arroganz und Herablassung die „Nullität“ Kotzebues ertragen musste. Die publikumsferne Klassik und ihre einseitige Glorifizierung im deutschen Schulsystem haben leider dazu geführt, dass Kotzebue beim Bildungsbürgertum weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Das neu erwachende Interesse, insbesondere die „Kotzebue-Gespräche“, dürfen als Ansatz einer Wiedergutmachung gewertet werden.

Das nächste Kotzebue-Gespräch ist für den 12. Oktober 2018 geplant und findet nicht, wie man erwarten sollte, in Tallinn statt, sondern wiederum in der Akademie der Wissenschaften in Berlin.

Angesichts des hohen Niveaus der Veranstaltungsreihe und der Brillanz der Vorträge ist zu erwarten, dass Interessierte in noch größerer Zahl erscheinen werden, als am 31. Mai ohnehin schon. Es ist Kotzebue posthum und den Initiatoren der Veranstaltungsreihe zu danken und zu wünschen.

Foto: Buchcover

Nachtrag:

Angesichts des großen Widerhalls, den der Autor nach Erscheinen seines Berichtes über das letzte „Kotzebue-Gespräch“ in Berlin (siehe Baltikum Blatt vom 23.6.2018) erfahren hat, ist ein kleiner korrigierender und ergänzender Nachtrag geboten:

Die literaturwissenschaftlichen Tagungen zu Person und Werk August von Kotzebues gibt es bereits seit dem Jahre 2012. Sie finden in aller Regel einmal jährlich abwechselnd in Berlin und Tallinn (einstmals Reval) statt. Berlin war zwar nicht die Hauptstätte von Kotzebues Wirken. Es waren Tallinn und Weimar. Aber es ist der Berlin-Brandenburgi- schen Akademie der Wissenschaften und der Botschaft Estlands zu verdanken, dass die deutsche Hauptstadt neben der Estlands zu den maßgeblichen Orten geworden sind.

Der zweite Sammelband zu August von Kotzebue in der Serie „Berliner Klassik“, betitelt „August von Kotzebue. Ein streitbarer und umstrittener Autor“ wurde herausgegeben von Alexander Kosenina, Harry Liivrand und Kristel Pappel.

Die Akademie der Wissenschaften hat nicht nur die bereits erwähnten Sammelbände über August von Kotzebue in ihre Klassik-Serie aufgenommen, sondern auch für die Tagung vom 31. Mai – es war das Kotzebue-Gespräch VII – ihre schönen und beeindruckende Räume in Berlins Mitte (Jägerstraße 22) zur Verfügung gestellt. Das wird auch für das nächste Kotzebue-Gespräch (VIII) der Fall sein. Die Veranstaltung wird nicht erst, wie eigentlich zu erwarten, im kommenden Jahr stattfinden, sondern schon in einigen Monaten, nämlich am 12. Oktober 2018. Planen Sie ein: 19:00 Uhr.

Vielleicht trägt das neu erwachte Interesse sogar dazu bei, dass der Name August von Kotzebue in absehbarer Zeit in den Lehrplänen der Gymnasien erscheint. So die (möglicherweise trügerische) Hoffnung des Verfassers. Zu wünschen wäre es, und ein großes Verdienst der Initiatoren.

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