Das Baltikum-Blatt

Russland

Rätsel der Woche: Wo ist Wladimir Putin?

Veröffentlicht: 15. März 2015

 

Wo ist denn nur Putin?Wo ist denn nur Putin?Von Aino Siebert

Das heißeste Thema in Russland ist zur Zeit die Frage: Wo ist Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Man hat den amtierenden Kremlchef zuletzt am 5. März gesehen. Die finnische Tageszeitung Helsingin Sanomat berichtet, dass das politische Klima in Moskau durch das Verschwinden des Staatsoberhaupts höchst explosiv sei: Die russische Metropole ist aktuell überfüllt mit Spekulationen und Gerüchten. Man redet darüber, dass der Präsident schwer krank sei oder sogar verstorben ist.

Natürlich weißt der Hof von Putin, was hinter den dicken Mauern des Kremls passiert ist, doch man hält die Lippen fest verschlossen – in Russland redet man nicht über Krankheiten der Staatsführer. Wenn es in die Öffentlichkeit kommt, dass Putin womöglich sogar ernsthaft gesundheitlich angegriffen ist, kann es zu Unruhen kommen. Auch wegen des berühmten „roten Atomkoffers“, den nur ein Staatschef bedienen darf, will man die Lenkung des Staates vorher absichern, erst danach werden die Fakten präsentiert.

Die finnische Zeitung bringt vor, dass die politische Instabilität Russlands nach der Ermordung des Regimekritikers Boris Nemzow am 28. Februar deutlich größer wurde. Die staatliche Geheimpolizei FSB verhaftete schnell Verdächtige, unter anderem einen Tschetschenien-Führer, Saur Dadajew.

Dadajew arbeitete für das Innenministerium der kaukasischen Teilrepublik und ist fest mit dem Putin-Freund, dem tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrow verbunden. Kadyrow ist für den Kremlchef die Garantie dafür, dass die Lage in dem muslimischen Unruhegebiet stabil bleibt.

Als der regimekritische Rundfunk Echo Moskvy am Samstag (14. März) in seiner Webpräsenz fragte: „Wenn zwischen FSB und Kadyrow ein Konflikt entflammt, wem würden Sie in Ihre Unterstützung geben?“ 58 Prozent der Befragten sagten, dass sie den russischen Geheimdienst FSB unterstützen, nur sieben Prozent war für Kadyrow. 35 Prozent der Eingeschalteten wollten dagegen keine Stellungnahme abgeben.

Ein anderes kritisches Medium, die Zeitung Nowaja Gazeta bringt vor, dass die Ermordung von Nemzow eine Wende der russischen Politik darstellt. Das Blatt berichtet, dass in Russland eine Liste von Regimefeinden existiert, die als Freiwild für ihre Ermordung aufgelistet sind. Neben dem schon getöteten Nemzow stehen auf der Aufstellung noch der frühere Ölmagnat und Oligarch Michail Chodorkowski, Alexei Wenediktow und offenbar auch Xenia Sotschak.

In Russland gibt es nur sehr wenige regimekritische Medien, der Löwenanteil der Presse wird vom Kreml kontrolliert. Die staatliche Medien haben darüber nicht berichtet, dass Putin seit Tagen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Der Kreml versucht durch den Pressesprecher Dmitri Peskow zu beweisen, dass der Hausherr gesund und munter ist. Auf der Webseite des Präsidenten wurde eine Mitteilung veröffentlicht, dass Putin persönlich ein Telegramm an seinen Amtskollegen Nicolás Maduro in Venezuela geschickt hatte, um ihn zum 70. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten zu gratulieren.

Das staatliches Nachrichtenkanal Rossija 24 gab am Freitag (13. März) bekannt, dass Putin sich mit dem kirgisischen Präsidenten Almazbek Atambajew getroffen hat. Doch nach der amtlichen Kreml-Agenda sollte der Kremlchef und KGB-Veteran mit ihm erst morgen zusammen treffen.

Machtkampf in Moskau?

Im Business Insider schreibt der deutsche Analytiker Alexander Rahr, dass im Kreml zur Zeit ein Machtkampf statt findet. Der ehemalige Berater des früheren Außenministers Hans-Dietrich Genscher, schließt, dass jetzt undichte Stellen im Putinschen System zu sehen sind: Ein offener Kampf, offenbar um den Thron des Premierministers Dmitri Medwedjew, hat begonnen. „Putin ist nicht verstorben. Er wird wieder auf die politische Bühne treten. Es sei durchaus möglich, dass er sich eine Woche Urlaub genommen hat“, meint Rahr.

Der Autor von vielen Putin-Büchern brachte auch vor, dass Medwedjew als Staatsoberhaupt die zur politischen Führungsschicht und leitenden Sicherheitskräften zählenden Gruppen zerschlagen hatte, dadurch ist ein Teil ihrer Macht verloren gegangen. Jetzt möchten sie ihren früheren Einfluss zurück erobern. Doch darüber wird in der Öffentlichkeit natürlich nicht diskutiert.

„Medwedjew trägt in Russland zwar keine inhaltliche Verantwortung, doch für Putin ist er sehr wichtig, denn es gibt keinen dem Kremlchef ergebeneren Menschen als den früheren Präsidenten und amtierenden Premierminister,“ meinte Rahr und führt weiter aus, dass die politische Elite natürlich weiß, wenn Putin seinen Stuhl im Kreml räumt, wird dieser mit dem loyalen Medwedjew besetzt und solch ein Zustand wäre den zur Machtstrebenden ein Horror.

Falls Putin seine Führungsposition in der Tat abgeben sollte, kommt in es Russland zu keinen größeren Änderungen, so Rahr. Es sei aber möglich, dass der Chefkläger Russlands, Juri Tschaika und der Innenminister Wladimir Kolokolzew ihre Ämter verlieren, genau so wie jetzige führende Wirtschaftschefs. Sie werden womöglich durch den Bankier German Gref und den Kabinettsminister von Medwedjew, Igor Schuwalow ersetzt.

Wo ist Putin – Twitterbild / @arjen_bakker