Das Baltikum-Blatt

Russland

Antiwestliche Stimmung in Russland gestiegen

Veröffentlicht: 10. Februar 2015

 

Russische Matroschka-PuppenRussische Matroschka-PuppenDas Lewada-Zentrum in Moskau hat am 9. Februar neue Zahlen veröffentlicht, die den deutlichen Anstieg des antiwestlichen Stimmung in Russland belegen. Die aktuelle Umfrage hat gezeigt, dass 81 Prozent der Befragten Russen eine negative Haltung gegenüber den USA (vor einem Jahr 44 Prozent) verspüren.

Auch die Beziehungen zu der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) wurden von 71 Prozent der Befragten negativ beurteilt. 24 Prozent haben die Beziehungen feindselig eingestuft. Vor einem Jahr haben nur ein Prozent so eine Meinung gehabt.

Weiter wurden die Menschen über die Entwicklung der Beziehungen befragt. 40 Prozent sind für die stärkere Beziehungen zum Westen, 36 Prozent möchten lieber auf Distanz gehen.

Lew Gudkow, Chef des Lewada-Zentrums, bringt vor, dass es so eine starke Ablehnung gegenüber dem Westen es seit Beginn der Umfragen nicht gegeben hätte. Die negativen Gefühle sind seiner Meinung nach vor allem durch die Desinformationskampagne im staatlichen Fernsehen entstanden. Die Russen sind zudem hart getroffen von den westlichen Strafmaßnahmen, der Fall des Landeswährung Rubel und der Berichten über die Ukraine-Krise. Ebenso verstehen sie nicht, warum sich die USA in die innere Angelegenheiten der Ukraine einmischen.

Ablehnung des Westens hat in Russland lange Tradition
Ablehnung des Westens, aber auch übertriebener Patriotismus hat in Russland eine lange Tradition. Seit 1917 wurde den Russen eingehämmert, das ihr Land das beste und seine Menschen die besten in der Welt seien. Und weil sie die Besten sind, will der Westen mit seiner anderen Wertegemeinschaft Russland (bzw. Sowjetunion) vernichten.

Erinnern wir uns nur an die Paranoia der stalinistischen Schauprozesse – überall befanden sich die westliche „Spione“, die zu liquidieren waren. Wer nicht bereit war zuzugeben, ein westlicher Agent oder Saboteur zu sein, aus dem wurde die „Wahrheit“ brutal heraus geprügelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch ein zweites Feindbild dazu – Faschisten. Der Kreml vernichtete großzügig seine „westlichen Feinde“, sprich die eigene Bevölkerung. Darunter viele hochbegabte Wissenschaftler, Militärführer, Künstler und Komponisten. Jeder zweite Sowjetbürger soll davon betroffen gewesen sein.

Wer das heutige Russland verstehen will, soll die alte Werke der russischen Weltliteratur, aber auch die Fachliteratur über die Sowjetunion und den KGB lesen. Im deutschen Fernsehkanal RBB läuft zur Zeit ein sehenswerter russisches Film über Fjodor Dostojewski (1821-1881) – im Teil 4 trifft sich der Schriftsteller mit seinem russischen Kollegen Iwan Turgenjew (1818-1883) in Baden-Baden. Die beide Literaten debattieren auf deutschem Boden über die Liberalität in ihrem Heimatland.

Turgenjew plädiert für ein freisinniges Russland, er gab sogar die Leibeigenen seines Gutes frei. Nach einem Artikel über Nikolai Gogol (russischer Schriftsteller ukrainischer Herkunft, 1809-1852) wurde der Literat auf sein Gut verbannt, 1855 reiste er dann zu seiner langjährigen Geliebten nach Paris und kam nur selten in die Heimat zurück. Russland hatte einen seinen großen Denker verloren.

Dostojewski wieder meint, ein liberales Russland wird es nie geben. Wie wir heute wissen, hat er Recht behalten. Das Riesenreich war während der Zarenzeit nicht liberal, auch nicht während der Sowjetunion und ist ebenfalls nicht unter Präsident Wladimir Putin.

Eigene Erhebung mit Lügen
Literatur Nobel-Preisträger Alexander Solschenitzyn schreibt in seinem Werk „Der erste Kreis der Hölle“: Kurz danach war er (Anton Jakonow – Institutsleiter der wissenschaftlichen Gefangenenlager Scharaschka) ins Ausland abkommandiert worden. Und als er zurückgekehrt war, trug man ihm auf, einen Zeitungsartikel zu schreiben – das heißt, man legte ihm den Artikel nahezu zur Unterschrift vor – über den Verfall des Westens, seiner Gesellschaft, Moral, Kultur, über die bedauernswürdige Lage der dortigen Intelligenz, und dass sich die Wissenschaft in diesem Klima nicht entwickeln könne.

Jakonow war nicht der Einzige. Mit der Gründung der Sowjetunion, einen zentralistisch regierter, föderativer Einparteienstaat im Jahr 1922 wurde auch Grundstein für die Lügengeschichten gelegt, mit dem sich der kommunistische Riesenstaat von anderen Ländern, vor allem über den Westen erhoben hat.

Neben Solschenitzyn wird die Lügensystem auch von Wolfgang Leonhard großartig in seinem politischen Evergreen „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ beschrieben. Oder von Michael Voslensky in seinem Werk „Nomenklatura“. Die ganze sowjetische Gesellschaft war auf die Lügen und auf eigene Selbsterhöhung aufgebaut und so haben die Menschen in Russland sich dies zu eigen gemacht. Ein bestes Beispiel dafür ist die jüngste Auftritt von Sergei Lawrow auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Wer lange im Lügennetz lebt, kann gar nicht Wahrheit erkennen. (asie)

Foto: Christiane Bergande-Bareiss