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Europäischer Kultursommer in Fellbach: Jazz mit Seitensprüngen

Ingrid LukasIngrid LukasVon Thomas Michael, Stuttgart

Am Samstag 6. September fand im Rahmen des Europäischen Kultursommers in Fellbach das Konzert „Voices of Jazz“ statt, das je zur Hälfte von den Estinnen Ingrid Lukas und Siiri Sisask mit ihren Bands gestaltet wurde. Der Saal der Fellbacher Musikschule war ausverkauft.

Im Alter von fünf Jahren und drei Tagen, am 23. August 1989, stand Ingrid Lukas in der 600 km langen Baltischen Menschenkette und sang. Da begann ihr musikalischer Weg, denn sie wollte Sängerin werden. Zwei Jahre später, am 20. August 1991, feierte sie somit ihren siebten Geburtstag am selben Tag, als die Republik Estland ihre Wiedergeburt feierte. 1994 zog sie in die Schweiz, 1999 schrieb sie ihre ersten Lieder in den Stilrichtungen Pop und Soul, und 2002 begann sie ein Gesangsstudium in der Züricher Jazzschule.

Mit der kleinen Besetzung von nur drei Begleitern – eine zweite Sängerin, die auch E-Cello und Synthesizer spielte, ein Bassist und ein Elektroniker und Schlagzeuger – gab es große Töne zu hören, die Seitensprünge aus dem Rahmen des Jazz machten. Vereinzelt entstand durch die synthetischen Klänge der Elektronik der Eindruck einer Filmmusik mit Grusel- oder Weltraumcharakter. Lange Gesangspausen in einigen Titeln gaben den Instrumentalisten Gelegenheit zu Stimmungen, die hätten improvisiert sein können, während Ingrid hin und wieder zu meditieren schien. Dann wiederum klang ihre Stimme einmal überraschend hart und erinnerte an lappländischen Joikgesang.

Ingrid Lukas sang auf englisch. Nach ihrem mit viel Applaus bedachten Konzert hatten die Zuhörer in der Pause Gelegenheit, sie persönlich anzusprechen. Anders als auf den allerorten in Fellbach prangenden Plakaten präsentierte sie sich auf der Bühne völlig zivil, ohne jedes aufdringliche Dekor, und hielt sich mit theatralischen Darstellungen sehr zurück.

Kontrastprogramm mit Siiri Sisask
Nach der Pause gab es Kontrastprogramm – Siiri Sisask brachte gleich acht Musiker mit, darunter den estnischen Jazzpianisten Kristjan Randalu, der die meisten Arrangements geschrieben hat, und das Helenos-Streichquartett. Ihr Repertoire, das sie fast durchgehend auf estnisch sang (von vielen Titeln wurden deutsche Übersetzungen vorgelesen), war auch vom Klang her kontrastreich und enthielt auch Bearbeitungen estnischer Volkslieder. Sisasks Stimmumfang reichte zeitweilig bis in Baritonlagen hinunter. Ein auffälliger Einzeltitel war ein mongolisches Volkslied, das sie in gut imitiertem nationalen Stil nebst Obertongesang zu ausschließlicher Begleitung des Saxophonisten vortrug.Siiri SisaskSiiri Sisask

Bedauerlicherweise war in manchen Liedanfängen, die der Pianist alleine intonierte, sein Instrument gegen die Sängerin zu laut. Im letzten Titel, einer Kinderliedbearbeitung, leitete die Interpretin das Publikum zum Nachsingen einzelner Takte an. Anders als Ingrid Lukas und im Kontrast zu den Begleitern trat Siiri Sisask eher im Stil einer Rockband-Sängerin auf. Das eine Lied, dessen Text in estnisch und deutsch im Programmheft abgedruckt war, „See on elu“ („Das ist das Leben“), der letzte Titel ihrer CD „Lingua mea“, stand an dem Abend nicht auf dem Programm – es hätte zu der späten Stunde einen schönen ruhigen Abschluss gebildet.

Fotos: © Thomas Michael

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