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Religionsfreiheit, die keine ist

Integration nicht gewünscht

Besonders in bildungsfernen sozialen Schichten bedeutet die Abschirmung durch das Zusammenwohnen in Ghettos und das Festhalten an archaischen Traditionen einen Halt in einem fremden Kulturkreis. Integration ist hier ein Fremdwort. Auch schon in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland lebende Ältere können noch heute kaum Deutsch. Kopftuch tragende oder verschleierte Mütter oder ihre Ehemänner sind an Elternabenden der Schulen oder Kindertageseinrichtungen kaum präsent, sie sind auch nicht in westlichen Kulturstätten oder in deutschen, italienischen oder spanischen Restaurants zu sehen. Şehitlik-Moschee in Berlin-NeuköllnŞehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln

Für manche Muslimas ist die Verschleierung ein offenes Glaubensbekenntnis, aber viele haben auch Angst, für ihren Mut zum Selbstbestimmungsrecht die sozialen Bindungen zu verlieren, drangsaliert oder gar getötet zu werden. Ehrenmorde sind noch heute in Deutschland keine Einzelfälle. Einige orthodoxe Muslime haben hier Morde im Namen einer Verletzung ihrer Ehre begangen. Täter können alle männlichen Familienangehörigen einer Regelbrecherin sein, von Vätern bis zu Ehegatten, Onkeln oder Cousins. Erst kürzlich wurde die Leiche einer seit April 2015 verschwundenen Hanaa S. in einem Waldgebiet bei Kronau (Baden Württemberg) gefunden. Die sechsfache Mutter wurde nur 35 Jahre alt. Im Prozess vor dem Landgericht Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) stehen fünf Familienangehörige der getöteten Frau. Ihnen wird gemeinschaftlicher Mord vorgeworfen. Unter den Angeklagten sind der Ehemann und ein Sohn des Opfers. Sie sollen sich entschlossen haben, die Irakerin zu töten, um die Familienehre wiederherzustellen. Die junge Frau hatte sich von ihrem Mann getrennt. Nach 69 Prozesstagen hatte der Schwager von Hanaa S. unerwartet ausgesagt und den Ablageort der Leiche offenbart.

Ein Ehrenmörder ist sich in der Regel keiner Schuld bewusst. In diesem Sinne erziehen Familienmitglieder auch ihre Söhne, Enkelkinder oder Neffen und Cousins. Die Abschirmung gegen das westliche Umfeld wird ebenfalls von den Müttern an die Töchter weitergegeben, so dass auf dieser Seite ein großes Beharrungsvermögen gegeben ist.

Mutige Urteile zur Verschleierung

Die europäischen Staaten dürfen Frauen verbieten, ihr Gesicht zu verschleiern. Dies sei kein Verstoß gegen die Religionsfreiheit, urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Mitte Juli. Eine mutige Entscheidung, die längst überfällig war. Denn in der Demokratie sind wir gewohnt, Menschen, die wir treffen, in das Gesicht zu sehen.

Ein Kopftuchverbot am Arbeitsplatz kann zulässig sein, urteilte wiederum der Europäische Gerichtshof in Luxemburg am 14. März. Arbeitgeber dürfen laut diesem Beschluss das Tragen von Kopftüchern verbieten. Entscheidend ist, ob es klare Regeln des Unternehmens dafür gibt. Das Urteil bedeutet, dass Muslimas, die Kopftuch tragen, noch weniger Chancen als bisher haben, eine Stelle zu finden und somit sich auch in die demokratische, säkulare Gesellschaft zu integrieren. Alle Arbeitssuchenden, nicht nur Muslime, müssen die gesellschaftlichen Regeln beachten.

Offenbar ist insbesondere denjenigen Mohammedanern, die schon jahrzehntelang in Deutschland leben, entgangen, dass die Frauen hier ihre Rechte hart erkämpfen mussten und nicht vorhaben, auf ihre Selbstbestimmungsrechte zu verzichten. Wenn heute Eigenverantwortung gewohnte Frauen ihre verschleierten Mitbürgerinnen, womöglich ihre eigenen Kolleginnen, beobachten, dann können sie oft die Welt nicht mehr verstehen. Oft stehen elegant bunt gekleidete westliche Frauen im Straßenbild neben schwarz-grau verschleierten Muslimas. In einer farbenfrohen Gesellschaft, wo vor allem Mädchen und Frauen bemüht sind, ihr Äußeres zu pflegen und sich modisch zu bekleiden, wirkt dies bedrückend.

Integration muss man wollen

Für eine gelungene Integration ist es notwendig, sich für das Land, in dem man lebt, zu interessieren und demokratische Freiheitswerte zu respektieren. Deutschland ist ein säkularer, das heißt kirchenunabhängiger Staat, in dem trotz Glaubensfreiheit Kirche und Staat getrennt sind. Die Politik kann mit Sprachkursen und Gemeinschaftskunde bei einer Integration helfen. Ein Fremder, der in Deutschland lebt oder hierher kommt, muss sich aber integrieren wollen. Er muss Interesse an seinem neuen Umfeld, an der Volksmentalität, den Sitten und Gebräuchen zeigen und die vorhandenen Angebote der Integrationshilfe nutzen. Eingliederung kann gelingen – dies beweisen viele Muslime und Muslimas, die in Deutschland leben. Sie praktizieren zwar ihren Glauben, doch sie haben auch die demokratischen Werte verinnerlicht. Männer beten ohne Frauen in der Şehitlik-MoscheeMänner beten ohne Frauen in der Şehitlik-Moschee

Religion, somit auch der Islam, ist in unserer weltlichen Gesellschaft eine private Angelegenheit. In Deutschland lebende Migranten können selbstverständlich zu ihren Glauben stehen und ihn praktizieren, doch gleichzeitig sollten sie sich bemühen, sich von mit hiesigen Sitten und Gesetzen unvereinbaren Alltagszwängen ihrer Herkunftsländer zu befreien. So wäre es wünschenswert, dass in den Integrationskursen neben einer Vorstellung der demokratischen Werte auch die Familienplanung auf dem Stundenplan stünde.

Die deutschen Gesetze fordern „das Wohl des Kindes“. Ein Kind, das mit vielen Geschwistern in kleinen Räumen aufwächst und womöglich noch von Sozialhilfe lebt, kann weder sich wohl fühlen noch eines Tages eine gute Bildung bekommen. Zu einer gelungenen Integration gehört zudem, dass auch muslimische Eltern sich für die schulische Entwicklung ihren Nachkommen interessieren, nicht nur für die religiöse. (Mitarbeit: Aino Siebert)

Foto: Plakat   © Thomas Michael
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