Das Baltikum-Blatt

Gesellschaft

Iren stimmen mehrheitlich für Homo-Ehe, baltische Staaten weit entfernt davon

Veröffentlicht: 24. Mai 2015

 

Dekoration - SymbolbildDie erzkatholische Inselrepublik Irland in Westeuropa hat in einer historischen Volksabstimmung am Freitag (22. Mai) für die Zulassung der Homo-Ehe gestimmt. Die Fürsprecher setzten sich laut dem offiziellen Endergebnis überraschend deutlich durch: 62,1 Prozent sprachen sich für die legale Bindung gleichgeschlechtlicher Paare aus. Die Wahlbeteiligung lag bei 60 Prozent.

Das Referendum zeigte, wie sich die Iren in den letzten Jahren vom Katholizismus entfernt haben. "Das ist ein großer Tag für Irland", sagte Gesundheitsminister Leo Varadkar dem Medienberichten zufolge. Er hatte sich am Anfang des Jahres geoutet. Bei Schwulen und Lesben wurde die Nachricht mit Begeisterung aufgenommen. Viele feierten in den Straßen und Pubs von Dublin. Mehrere namhafte Persönlichkeiten gratulierten der kleinen Republik zu der Entscheidung, darunter der britische Premierminister David Cameron, US-Vizepräsident Joe Biden, die englische Schriftstellerin JK Rowling und der irischer Popsänger Ronan Keating.

Katholische Kirche verliert ihre Schäfchen

Obwohl die irische Geistlichkeit bis zuletzt die Werte der traditionellen Ehegemeinschaft energisch verteidigt hatte, unter ihnen Erzbischof Michael Neary, mussten sie sich nach der Bekanntgabe des Endergebnisses als geschlagen bekennen. Die junge Generation will ihr Leben ohne Bevormundung der Kirche führen. Die Menschen möchten selbst bestimmen, wen sie lieben, ob und wann sie Kinder bekommen. Reichlich spät, erst vor 22 Jahren, hob Irland ein Gesetz auf, das Homosexualität strafbar machte und den Paaren verbot, ohne ärztliches Rezept Kondome zu kaufen. Auch das totale Abtreibungsverbot wurde etwas gemildert. Die katholische Kirche verbietet in ihren Dogmen vorehelichen Geschlechtsverkehr und die Benutzung von Verhütungsmitteln. Schwangerschaftsabbrüche sind strikt verboten.

Die früher stolze katholische Kirche hat in Irland in den letzten Jahren viele ihrer Anhänger verloren. Schuld daran sind realitätsfremde Sexualdogmen und viele bekannt gewordene Missbrauchsfälle von Priestern, die Erzbischof Sean Brady versuchte, systematisch tot zu schweigen. Als der Kardinal dann vor fünf Jahren in einer Ansprache an die Gläubigen ihre fehlende Toleranz gegenüber sündigen Klerikalen zur Sprache brachte, war es mit der Geduld der Kirchengänger zu Ende. Als Konsequenz zu den Vorwürfen beorderte die Regierung des konservativen Premierministers Enda Kenny ihren Botschafter aus dem Vatikanstaat nach Dublin zurück. Gilmore war es auch, der anschließend die Verfassungsänderung zur Homo-Ehe aktiv unterstützte, auch, als die Referenden zur ehelichen Verbindung von Schwulen und Lesben in Kroatien und der Slowakei scheiterten.

Liberales Europa

Rund 20 Länder weltweit ermöglichen die Homo-Ehe. Am 3. März hat das homoliberale Slowenien das Eherecht so geändert, dass es jetzt offen für alle Paare ist. Schon seit Juli 2006 haben gleichgeschlechtliche Paare im Land die gesetzliche Möglichkeit eine eingetragene Partnerschaft einzugehen.

In Deutschland wurde 2001 trotz des Widerstands von Christdemokraten und Christsozialen die standesamtlich eingetragene Lebenspartnerschaft eingeführt. Seit 2013 profitieren die Paare von zuerst nur für heterosexuellen Ehepartnern gedachte Steuerbegünstigungen, dem sogenannten Ehegattensplitting. Im vergangenen Jahr hatte der Bundestag Lesben und Schwulen das Recht auf eine Sukzessivadoption ermöglicht. Sie können ein Kind adoptieren, wenn es vom Partner bereits adoptiert worden ist. Der Justizminister Heiko Maas (SPD) hat den Bundesregierung zudem einen neuen Gesetzesentwurf vorgelegt, der noch weitere Rechte für die Gleichgeschlechtliche geben wird.

Dänemark leistete die Pionierarbeit, als er als erstes Land weltweit 1989 die eingetragene Lebenspartnerschaft für Lesben und Schwulen legalisierte. Die Homo-Eheschließung ist auch kirchlich erlaubt. Künstliche Befruchtung ist seit 2007 und die Adoption seit 2009 möglich.

In Schweden können gleichgeschlechtliche Paare seit 1995 ihre Partnerschaft eintragen lassen. Seit 2009 sind zudem standesamtliche oder kirchliche Hochzeiten möglich.

In den Niederlanden wurde 2001 die im Standesamt abgeschlossene Ehebeziehung auch Homosexuellen bewilligt, mit dem Recht auf Adoption. Im Nachbarland Belgien haben gleichgeschlechtliche Paare seit 2003 de facto gleiche Rechte wie heterosexuelle. Drei Jahre später kam noch Adoptionsrecht dazu.

In katholischen Spanien ist die Homo-Ehe seit Juli 2005 möglich, genau so wie die Adoption durch homosexuelle Paare - ob verheiratet oder nicht. Frankreich hat das Ehe- und Adoptionsgesetz für gleichgeschlechtliche Paare 2013 verabschiedet.

Homosexuelle Paare können seit Januar auch in Luxemburg heiraten und Kinder adoptieren.

Homophobes Baltikum

In baltischen Ländern ist die Situation alles andere als rosig. Homosexuelle werden immer noch offen angefeindet und alltäglich beschimpft. Estland gilt als liberaler als seine Nachbarstaaten Lettland und Litauen. Als erste der ehemaligen Sowjetrepubliken beschloss das Parlament (Riigikogu) in Tallinn trotz starken Widerstand die Einführung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, die nicht im Standesamt, sondern ab kommenden Jahr bei einem Notar registriert werden kann. Stimmung gegen die „Lilas“ (Lillad) - so werden die Gleichgeschlechtliche in Estland abschätzig auch in der Öffentlichkeit genannt – wird vor allem von dem Religionsfanatiker Varro Vooglaid und durch den von ihm ins Leben gerufenen Verein „Für die Schutz der Familie und Tradition“ (Perekonna ja traditsiooni kaitseks) angestrengt. Vooglaid ist, wie auch seine Familienmitglieder Katholik. Vater von fünf Kindern arbeitete als Lektor für Rechtswissenschaften an der Universität Tartu (laut einem Interneteintrag vom 24. Mai ruht derzeit sein Arbeitsvertrag), seine Mutter Kerstin Nigesen leitet die katholische Privatschule (Vanalinna Hariduskolleegium) in Tallinn. Sein Vater, Sowjetsoziologe und Ehrenmitglied des estnischen Journalistenverbandes, Dr. Ülo Vooglaid hat in der estnischen Medien mehrere diffamierende und beleidigende Artikeln über Homosexuellen veröffentlicht. Einer davon „Lits on lits ja pederast on pederast“ (Dirne ist Dirne und Päderast ist Päderast) wurde schon 2004 im Internetportal Delfi veröffentlicht. Viele andere folgten. Homosexualität ist seiner nach Meinung nach eine perverse Krankheit.

Neben Vooglaid kämpft auch die seit letzten Parlamentswahlen in das Riigikogu gewählte neue konservative Partei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond), geführt von ehemaligen estnischen Botschafter in Russland, Mart Helme und seinen Sohn Martin Helme aktiv gegen die Homorechte.

In Lettland hat sich der Außenminister Edgars Rinkēvičs zwar geoutet und arbeitet als Chefdiplomat trotzdem weiter, doch die Bevölkerung hat kein Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben entwickelt. Die Homosexuelle sind häufig Opfer von Gewalt auf der Straße und in den Treffpunkten.

Im katholischen Litauen gilt Homosexualität als Tabuthema. Am 16. Juni 2009 stimmte die Mehrheit der Abgeordneten der Seimas für ein Homopropaganda-Gesetz, das die Thematisierung von Homosexualität an Schulen und öffentlichen Orten verbietet. 2011 wurde hingegen ein Mediengesetz verabschiedet, das eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet.

Es ist Zeit, dass man auch im Baltikum so sagen kann wie serbische Teilnehmerin Bojana Stamenov auf dem diesjährigen Eurovision-Song-Contest: "Finally I can say: Yes, I'm different, but it's okay" („Endlich kann ich sagen, ja, ich bin Anderes, aber es ist so in Ordnung“). (asie)

Symbolfoto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert