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Estland: Vierjährige Ermittlungen führen ins Leere – Warwaras Mörder nicht gefunden

 

Warwara IwanowaWarwara IwanowaVon Aino Siebert

Das neunjährige lebenslustige Schulkind Warwara Iwanowa wurde am 18. März 2012 in estnischen Grenzstadt zu Russland, Narva, als vermisst gemeldet. Ihr mit Schnee bedeckter Leichnam wurde fünf Tage später in der Nähe der Eishalle, unweit ihres Elternhauses, aufgefunden. Ermittlungen haben ergeben, dass die unverhüllte Leiche des Kindes an den Fundort transportiert wurde, das heißt der Fundort war nicht der Tatort. Die Kriminalisten gehen davon aus, dass das Mädchen schon am Tag ihres Verschwindens ermordet wurde. Vor ihrem Tod durch Erdrosseln war sie sexuell missbraucht worden.

Umfassende Mordermittlungen

Wie die Polizei nach vier Jahren Ermittlungen nun bekannt gab, haben die Kriminalisten, um den Täter zu finden, DNA-Proben von fast 2900 Menschen und weitere Spuren untersucht. Sie haben die Person gefunden, deren DNA mit dem Proben des Opfers und ihres Fundortes übereinstimmen. Doch es fehlte der Polizei die Möglichkeit, das Beweismaterial zu sammeln, um die Tat zuzuordnen und nachzuweisen.

Die Arbeit der Spurensicherung wurde durch den Schneefall und darauf folgendes Tauwetter deutlich beeinträchtigt. Die Rechtsmediziner konnten nicht ausschließen, dass die Tote vor ihrer Verlegung an den Fundort gründlich gewaschen worden ist. Dennoch war es den Experten gelungen, vom Körper des Opfers ein DNA-Profil (genetischer Fingerabdruck) von männlichen Geschlechtschromosomen sicherzustellen, das lange als wichtigste Spur für die Ermittlungen diente. Chromosomen sind Strukturen, die die Erbinformationen des Menschen enthalten. Frauen haben zweimal das gleiche Geschlechtschromosom, nämlich zwei X-Chromosomen (XX). Männer haben hingegen ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom (XY).

Leider war das Profilbild kein Unikat, denn die Chromosomen werden vererbt. Von der Mutter immer ein X, vom Vater wiederum entweder ein X- oder ein Y-Chromosom. Durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entsteht ein neues Individuum mit den Geschlechtschromosomen XX (weibliches Geschlecht) oder XY (männliches Geschlecht).

So musste die Polizei jahrelang emsig die klassische kriminalistische Forschungsarbeit durchführen: tausende Menschen wurden befragt, um die Informationen über das Verschwinden des Kindes und den möglichen Täter zu sammeln. Die Fahnder überprüften die Mobiltelefondaten der Bewohner der Stadtteiles, wo die Familie Warwaras wohnt, es wurden Bilder der Sicherheitskameras ausgewertet, den Spuren in den sozialen Netzwerken und allen bei der Behörde eingegangenen Hinweisen nachgegangen. Ermittler überprüften ebenso rund hundert Personen, die wegen Sexualdelikten schon polizeibekannt sind.

Während der vier Jahre wurden DNA-Proben von 2855 Männern untersucht. Bei elf Personen wurde das DNA-Profil festgestellt, das der Täter am Körper seines Opfers hinterlassen hatte. Doch das reicht nicht, um den Mörder des Mädchens zu finden und seine Schuld zu beweisen.

Amtshilfe vom Ausland

Die estnischen Kriminalisten ersuchten bei ihren Ermittlungen auch um Amtshilfe aus anderen Staaten. Im Herbst 2014 hat die Kriminalpolizei 13 Haare nach Österreich zur kriminaltechnischen Untersuchungen gesandt. Die Kollegen in der Alpenrepublik konnten von dreien eine mitochondriale DNA, kurz mtDNA, nachweisen, die der Toten nicht gehörte. Als MtDNA wird zumeist ein zirkulärer, doppelsträngiger genetischer Fingerabdruck im Inneren (Matrix) der Mitochondrien (ein von einer Doppelmembran umschlossenes Zellorganell mit eigener Erbsubstanz) bezeichnet. Dadurch konnte die Polizei zwei Männer ausfindig machen. Beide gehören zu derselben Familie.

Weitere Ermittlungen haben ergeben, dass einer der Männer den Kindesmord nicht begangen haben konnte. Der zweite Mann hatte seine DNA-Probe in Februar 2014 abgegeben. Drei Tage später wurde er in einen Wohnhaus in Tallinn tot aufgefunden. Todesursache war die Überdosis eines Rauschgiftes, die er sich selbst zugefügt hatte. Demzufolge war es nicht mehr möglich, ihn zu dem Mord zu befragen. Die Beamten haben dennoch festgestellt, dass er zum Zeitpunkt des Verschwindens Warwaras in Narva gewesen ist. Doch es fehlen, trotz einer ausgelobten Belohnung bis zu 10.000 Euro, die Informationen darüber, wo genau der Mann sich aufgehalten hat und ob er das getötete Kind von früher kannte. Der Polizei war es auch bis heute nicht möglich, den Tatort zu finden.

Als Folge dessen wurden die Ermittlungen vorläufig ausgesetzt. Wenn die Kriminalpolizei neue Anhaltspunkte findet oder die kriminaltechnischen Möglichkeiten zu Untersuchungen sich weiter entwickeln, um ein Unikat-DNA-Profil des Täters festzustellen, werden die Ermittlungen neu aufgerollt.

An den bisherigen Aufklärungsarbeiten nahmen mehr als hundert Polizeibeamte teil. Kriminaltechnische und gerichtsmedizinische Untersuchungen wurden neben Estland noch in Österreich, den Niederlanden und Deutschland durchgeführt. Mögliche Spuren und Hinweise wurden über Europol, Interpol und Nachbarstaaten überprüft. Während der Mordaufklärung wurden mehr als 2100 Personen verhört. Die Polizei ist fast 220 Hinweisen nachgegangen, darunter auch von Hellsehern. Doch es war nicht möglich, eine heiße Spur zu finden.

Der führende Staatsanwalt Margus Gross (Bezirksstaatsanwaltschaft des Landkreises Viru) brachte vor, dass die Ermittlungen um den Mord von Warwara eine die größten in Estland gewesen sind: „Die Mordaufklärung wurde zwar heute beendet, doch sobald wir neue Erkenntnisse haben oder die Wissenschaft sich weiter entwickelt hat, eröffnen wir die Akten erneut.“ Der Mord verjährt nicht. Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael

Foto: Privat

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