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Iltalehti: Deutschland wollte sowjetisches Militärgerät aus der DDR über Finnland nach Russland transportieren

 

Politstunde für die Soldaten der Roten Armee in FürstenwaldePolitstunde für die Soldaten der Roten Armee in FürstenwaldeVon Aino Siebert

Deutschland wollte vor 25 Jahren der finnischen Tageszeitung zufolge sowjetische Waffen aus der früheren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) über Finnland nach Russland transportieren. Das Blatt bezieht sich im seinem Bericht auf geheime Archivdokumente und Aussagen ehemaliger Beamter. Demnach führte die Bundesrepublik im Februar 1991 entsprechende geheime Verhandlungen mit dem skandinavischen Land.

Aus den Unterlagen geht hervor, dass aus der damaligen bundesdeutschen Hauptstadt Bonn nach Helsinki eine Anfrage geschickt wurde, ob es über das finnisches Hoheitsgebiet möglich wäre, hunderttausende sowjetische Soldaten mit Militärtechnik und Waffen, die vor dem Fall der Berliner Mauer in der DDR stationiert waren, nach Russland zu bringen. Doch Finnland befürchtete, dass sich unter dem Militärgerät auch Kern- und Chemiewaffen befinden und es im Fall eines Unfalles zu einer akuten Gefahr für die eigene Bevölkerung käme. Die Regierung in Helsinki hatte zudem Angst, dass viele Rotarmisten gar nicht in die Heimat zurück wollen, sondern aus fahrenden Zügen abspringen, um in Finnland Asyl zu beantragen. Außerdem gab es noch das Risiko, dass die sogenannten Politruks (Politoffiziere in Streitkräften realsozialistischer Staaten mit einem politischen Auftrag) auf die potentiellen Flüchtlinge schießen könnten.

Bonn war der Meinung, dass der Transport von Militärgerät aus den deutschen Ostseehäfen in die finnischen (Hanko, Kotka und Hamina) und danach mit Zügen durch Finnland nach Russland nicht so gefahrenträchtig sei als die Beförderung der Waffen durch die baltischen Staaten. Vor allem weigerte sich Polen, die russischen Militärtransporte ohne Transitgebühren, die Moskau nicht zahlen wollte, durchzulassen. Die Bundesrepublik war aber bereit, Finnland die Transportrechte zu erstatten. Doch am 14. Februar 1991 kam aus Helsinki die Nachricht, dass das Angebot wegen Sicherheitsbedenken abgelehnt worden ist.

Hintergrund:

Nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 wurde die Wiedervereinigung der zwei deutschen Staaten aktuell. Der außenpolitische Schlüssel dazu lag allerdings in Moskau. Der damalige Regierungschef der DDR, Lothar de Maizière, gab später zu Protokoll, dass das Ende der deutschen Teilung möglich wurde, weil die Sowjetunion zahlungsunfähig war. Das kommunistische Riesenreich war finanziell so geschwächt, dass es seine Auslandsschulden nicht mehr tilgen konnte.

Die Bundesrepublik bürgte Moskau für einen Fünf-Milliarden-DM-Kredit (rund 2,5 Milliarden Euro). Doch diese Summe reichte den Russen nicht. Bundeskanzlerberater Horst Teltschik schreibt in seinem Buch „329 Tage“, dass der damalige Regierungschef Helmut Kohl (CDU), nachdem die Gespräche in eine Sackgasse geraten waren, zusätzlich einen Gesamtbetrag von zwölf Milliarden D-Mark (rund sechs Milliarden Euro) angeboten habe. Der Kremlchef Michail Gorbatschow hingegen forderte mit Hinweis auf die katastrophale Wirtschaftssituation seines Landes 15 bis 16 Milliarden D-Mark (rund acht Milliarden Euro). Um den Kommunistenführer milde zu stimmen, gab es von Kohl noch als Sahnehäubchen einen außerplanmäßigen zinslosen Kredit von drei Milliarden D-Mark (rund 1,5 Milliarden Euro). Erst jetzt leuchtete Gorbatschows Gesicht zufrieden. Rechnet man alles zusammen, konnte Russland für seine Zustimmung zur deutschen Wiedervereinigung rund zehn Milliarden Euro einstreichen. Als das Finanzielle geklärt war, folgten noch Gespräche zwischen den Deutschen und den Russen, zuerst in Moskau, danach in nordkaukasischen Archys am 16. Juli 1990, wo Gorbatschows sogar der NATO-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschland zustimmte. Dieser Schritt war bereits am 30. Mai 1990 in Washington zwischen George Bush Senior und Gorbatschow abgesprochen worden. Dafür musste die Bundesrepublik auf die Herstellung und den Besitz von ABC-Waffen (Massenvernichtungswaffen) verzichten. Erst nach diesem Verhandlungsmarathon wurde endlich feierlich der „Zwei plus Vier“-Vertrag unterzeichnet, und der Weg war frei für das Zusammenkommen der Deutschen.

Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Ost-Deutschland dauerte insgesamt drei Jahre und elf Monate. Er umfasste 550.000 Personen, davon 380.000 Soldaten und 170.000 Zivilisten, verteilt auf 1062 Standorte. In keinem osteuropäischen Staat waren mehr Rotarmisten stationiert als in der DDR. Rund drei Fünftel der Stationierungskosten musste der realsozialistische Staat selbst tragen – jedes Jahr vier Milliarden Mark. Die letzten Soldaten verließen Ost-Deutschland, wo sie 40 Jahre gedient hatten, am 31. August 1994, sie wurden mit einer Militärparade in Berlin verabschiedet. Doch in Erinnerung ist vor allem geblieben, wie der erste Staatspräsident der Russischen Föderation, Boris Jelzin, stark alkoholisiert sich den Taktstock des Polizeiorchester-Kapellmeisters schnappte und drauflos dirigierte.

Der Abzug war eine logistische Riesenaufgabe. Neben Armeeangehörigen mussten noch 123.629 schwere Waffen und sonstiges militärisches Gerät – insgesamt eine Last von 2,7 Millionen Tonnen, nach Russland zurückgebracht werden. Jedes Jahr war es nötig dafür 40.000 Eisenbahnwaggons bereit zu stellen. Die Waggons wurden in Rostock, Wismar und Mukran auf Fähren verladen, nachdem Polen Geld für den Truppentransit verlangt hatte, das Russland nicht zu zahlen bereit war.

Die Heimkehr gestaltete sich für viele Rotarmisten äußerst schwierig, denn inzwischen war die Sowjetunion zerfallen, Russland kämpfte mit ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Mit dem Abzug der letzten Brigade erhielten die deutschen Behörden von den Rotarmisten 3000 zerfallene Kasernen und verseuchte Grundstücke zurück. Die Sanierungskosten beliefen sich auf geschätzte 25 Milliarden D-Mark (rund 13 Milliarden Euro). Trotzdem sind die meisten ehemaligen Truppengelände heute noch stark verunreinigt. Eine alternative Nutzung ist aufgrund dessen nicht möglich. (Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael)

Foto: © Archivbild aus Privatsammlung

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