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Chinesen erobern den Weltmarkt der Juwelen

Schmuck von Kimberlite DiamondVon Aino Siebert, Basel

Die weltgrößte Messe für Uhren und Schmuck, Baselworld, feierte im diesem Jahr ihren 100. Jahrestag. Am Eröffnungstag war der Himmel über der schweizerischen Grenzstadt Basel im Dreiländereck zu Deutschland und Frankreich mit dunklen Wolken bedeckt, was auch zur Stimmung des Jubilaren passte: die fetten Jahre sind vorbei. Jedes Jahr muss die Leitung der Baselworld mit ihrer Frontfrau Sylvie Ritter feststellen, dass es immer schwieriger wird, für die Luxusgüter Abnehmer zu finden. Im vergangenen Jahr haben die Schweizer Unternehmen Luxusuhren im Gesamtwert von 18 Milliarden Euro verkauft. Bei so einer Riesensumme sind Verluste von zehn Prozent katastrophal.

Früher waren die Hauptabnehmer der hochqualitativen Prachtprodukte in den europäischen Metropolen Touristen aus Russland oder China. Doch die Zahl der zahlungskräftigen Käufer ist wegen der Angst vor Terroranschlägen deutlich zurückgegangen. Die Russen leiden zudem unter den westlichen Sanktionen und der heimischen Wirtschaftskrise. Die Kauflust der Chinesen wird durch hohe Zollgebühren und den strengen Blick des Antikorruptionsamtes gebremst.

Ungewiss ist zudem, wie sich der für die Luxusgüterproduzenten wichtige Markt in den Vereinigten Staaten weiter entwickeln wird, wenngleich in Basel freilich das Wort „Krise“ nirgends fiel.

Donald Trump und Coin Watch

La Chaux-de-Fonds gehört neben Biel und Le Locle zu den bekanntesten Uhrenstädten der Schweiz. Die Kleinstadt in den Alpen nahe der Grenze zu Frankreich liegt auf rund 1000 Metern Meereshöhe (Bahnhof: 994 Meter) und ist damit eine der höchstgelegenen Metropolen Europas. Hier ist die weltbekannte Uhrenmarke Corum zu Hause. Die Firma wird seit 2013 von dem chinesischen Konzern China Haidian Holding geführt. Obwohl die Situation für die Uhrenindustrie zur Zeit nicht gerade rosig ist, ist es Corum gelungen, ihre Verkaufszahlen um 39 Prozent zu erhöhen. Der Umsatz beträgt nun rund 50 Millionen Franken.

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Corum ist vor allem bekannt für ausgefallene Design-Ideen. So wird beispielsweise das Gehäuse einer „Coin Watch“ aus einer offiziellen 20-Dollar-Goldmünze gefertigt. Diesen außergewöhnlichen Zeitanzeiger tragen einige US-Präsidenten, u.a. Lyndon B. Johnson, Richard Nixon, Ronald Reagan und George W. Bush. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass das amtierende Staatsoberhaupt Donald Trump, das sich für „America First“ einsetzt, nicht viel für die Marken „Made in Europe“ übrig hat. Dazu kommt noch, dass seine über Alles geliebte Tochter Ivanka eine eigene Brand unterhält, ihr geschäftlicher Erfolg dem Herrn Papa folglich besonders am Herzen liegt. Auch die Tatsache, dass bei Corum Chinesen den Takt angeben, wird wahrscheinlich von der neuen Hausherr im Washingtoner Weißen Haus nicht gerne gesehen. Der Milliardär und seine Tochter setzen lieber selbst in China ab, als dort einzukaufen.Chinesischer Diamantenkönig Dong Liusheng und René Kamm, Chef der Baseler Messegesellschaft Chinesischer Diamantenkönig Dong Liusheng und René Kamm, Chef der Baseler Messegesellschaft

Adieu zum Freihandel

Schon Anfang März, als in Baden-Baden die Finanzminister der G20-Staaten zusammengekommen waren, wurde klar, dass der neue US-Präsident gegen Freihandel ist. Trump hatte seinem Chefkassenwart Steven Mnuchin keine Vollmachten erteilt, seinen Kollegen am Tisch eine Garantie zu geben, dass die USA keine Strafzölle für die Importware erheben werden. Folglich müssen sich die Uhren- und Schmuckproduzenten für ihre wertvolle Ware neue Märkte und neue Kunden suchen.

Chinesische Unternehmen versuchen schon seit Jahren, den Weltmarkt für sich zu erobern, und offensichtlich erlaubt ihnen auch ihr Budget, für die teuren Messeboxen und Schauräume aufzukommen. Sie haben nicht nur Corum gekauft, sondern arbeiten eng mit europäischen Produzenten zusammen und lernen dabei westliche Geschäftskultur und Fremdsprachen.

Eine der Firmen ist Kimberlite Diamond aus Shanghai. Das Unternehmen hat auf der Baselworld seine neue Diamantenschmuckkollektion „Harmony“ vorgestellt. Vom Stil hier waren die kostbaren Stücke eine Mischung aus der traditionellen chinesischen Kultur und neuen westlichen Trends. Vor der Baseler Kongresshalle haben junge Chinesinnen selbst wie Juwelen gestrahlt, als sie Werbung für die Show machten. Trotz vieler Mühe entpuppte sich das Event aber eher als ein Familientreffen, denn nur einige westliche Journalisten waren gekommen, um zu sehen, welch wertvollen Schmuck die Firma präsentierte.

Mondäne Kollektion

Der Gastgeber, der chinesische Diamantenkönig Dong Liusheng, hatte mehrere VIP-Gäste zu der Vorstellung eingeladen, darunter Chef der Baseler Messegesellschaft MCH Group René Kamm, den früheren Regierungschef Yves Leterme und den ehemaligen Verteidigungsminister Leo F.W. Delacroix aus Belgien. Kimberlite Diamond kauft ihre Juwelen aus Antwerpen, dort werden die Unternehmensmitarbeiter auch ausgebildet.

Die Kollektion, angefertigt aus farbigen Steinen, war mondän und wurde zu Recht gelobt. Doch wer kann sich heute noch solche Kreationen, deren Wert in Millionenhöhe liegt, leisten? Zweck des luxuriösen Schmuckes ist zudem, die Persönlichkeit der Trägerinnen zu betonen. Da über Geschmack bekanntlich nicht gestritten wird, muss jede(r) sich seine/ihre eigene Meinung bilden, ob protziges Funkeln das Ebenmaß der Dame schmeichelt.

Schmuckpräsentation der Firma Kimberlite Diamond

Die Chinesen selbst haben optimistisch über eine große Entwicklung und bevorstehende Erfolge gesprochen. Das Juwelengeschäft ist in China eng mit der Politik verbunden.

Auf der Event brachten mehrere Redner vor, dass die Vorführung der Kollektion auf der Baselworld für Kimberlite Diamond sehr bedeutsam sei. Auf der Messe dabei zu sein bedeutet eine Steigerung des Ansehens auf den internationalen Märkten. Die europäischen Produzenten haben einen ernstzunehmenden Konkurrenten bekommen – gerade jetzt, wo sie ihn am wenigsten brauchen.

(Artikel erschienen in Pärnu Postimees, Übersetzung der Autorin, Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael)