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Tschetschenien: Diktatorstochter Aischat eröffnet in Grosny Unterwäschegeschäft

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Aischat KadyrowAischat KadyrowDie Tochter des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, Aischat, hat in der Hauptstadt Grosny ein Geschäft eröffnet, in dem Erotik-Unterwäsche und Sexaccessoires verkauft werden. Da das Thema „körperliche Liebe“ in dem islamischen Land tabu ist, wird Werbung für die Nobelboutique nur im Verborgenen gemacht. Darüber berichtet die russischsprachige Redaktion des britischen Nachrichtensenders BBC. Dass die 18-Jährige die Inhaberin von Lady A sei, hätten mehrere tschetschenische Blogger im sozialen Netzwerken berichtet. Im Laden können Muslimas nun exklusive Unterwäsche von namhaften Produzenten aus Europa und der USA erwerben sowie andere Produkte, die beim Geschlechtsverkehr begehrt werden, unter anderem Gels, Peitschen oder Masken.

Aischat Kadyrowa führt dazu noch das Modehaus Firdaws (Paradies) mit dem gleichnamigen Modelabel, wo muslimische Roben verkauft werden. Eine russischsprachige Dokumentation dazu können Sie auf YouTube anschauen.

Zuerst klärt der Moderator die Zuschauer über die muslimische Kleiderordnung „sulemanskaja moda“ („Mode für Muslimas“) auf. Danach wird eine Modeshow präsentiert, der auch der Papa Kadyrow und Ihre Hoheit Medni Kadyrowa, beiwohnen. Im übrigen, in Tschetschenien gibt es kein Königshaus. Trotzdem lässt die First Lady und Mutter von sechs Kindern sich als „Ihre Hoheit“ ansprechen. Gezeigt wird zudem die neue Parfümkreation der First Daughter Aischat, die sie ihre Mutter Medni widmete. Das islamische Modelabel ist die allererste Haute Couture-Boutique Tschetscheniens. Firdaws betreibt zudem seit 2010 ein eigenes Modelling Studio, in dem Vorführdamen zwischen 14-27 Jahren eine Ausbildung erhalten.

Danach ist im Film ein Besuch in Aischats Modehaus angesagt, das die junge Frau von ihrer Mutter übernommen hatte. Die Pressesprecherin Ulsana Sadulajewa berichtet mit ernster Miene, dass die Muslimas und Muslime sich absolut frei entscheiden können, wie sie sich kleiden. Wohlgemerkt, auch Frauen! Auch der Diktator selber versichert, stotternd und im einfachen Russisch – als würde er selber nicht glauben, was er da erzählt – dass die Frauen in seinem Staat keiner Kleiderordnung unterliegen: „Der Islam ist die schönste und friedlichste Religion der Welt“, so der Despot, und er bringt noch vor, dass die Mode zur Kultur gehöre und es seine Aufgabe sei, sein Volk und dessen Gäste mit Kultur zu beglücken.

Ein Land im Schatten Russlands

Man könnte bei dieser Dokumentation so richtig zum Schwärmen kommen, wenn Tschetschenien unter Ramsan Kadyrow, einen Busenfreund des russischen Präsidenten Wladimir Putin, nicht ständig Schlagzeilen über Menschenrechtsverletzungen machen würde.

Wie ist es dazu gekommen? Hier ein Rückblick:
Tschetschenien ist ein leidgeprüftes Land. Die russische Einflussnahme im Nord-Kaukasus begann im 16. Jahrhundert. Das unabhängige Bergvolk widersetzte sich schon damals den Russen. In den sogenannten Muridenkriegen (1828-1859) wurden die Tschetschenen von Imam Schamil, einem Dagestaner, angeführt. Während des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877-1878) leisteten die Kaukasier erneut Widerstand. Doch auch dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Die darauffolgende russische Besatzung löste eine Auswanderungs- und Deportationswelle aus. Nach der Oktoberrevolution wurde Tschetschenien 1921 Teil der Sowjetischen Gebirgsrepublik und ein Jahr später Autonomes Gebiet. Während der Repressionen des roten Diktators Jossif Stalin kam es im Land zu ersten Unruhen und später mit Beistand der Deutschen zu einem anti-sowjetischen Aufstand. Nachdem die Wehrmacht nicht bis nach Tschetschenien voranpreschen konnte, wurden die Ausschreitungen schnell niedergeschlagen. Wegen ihrer angeblichen Zusammenarbeit mit den Nazis beschloss Moskau die Zwangsumsiedlung aller Tschetschenen nach Zentralasien. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow erlaubte dem Kaukasier 1957, in ihre Heimat zurückzukehren.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde der bisherige, pro-russische Regierungschef Doku Sawgajew durch den Nationalisten Dschochar Dudajew abgelöst. Er leistete seinen Amtseid auf das heilige Buch des Islam und wollte für seinen Staat die Unabhängigkeit von Russland erreichen. Inguschetien, das bis dato mit Tschetschenien eine Einheit gebildet hatte, blieb weiterhin mit Moskau verbunden. Der Kreml versuchte daraufhin in Tschetschenien, das nun ein souveräner Staat war, weiterhin Einfluss zu nehmen und unterstützte dort russlandfreundliche Politiker.

Dudajew dagegen verfolgte eine anti-russische Strategie, indem er nicht nur durch Diskriminierung sondern auch mit offener Gewalt die nicht-tschetschenischen Bewohner in die Flucht trieb. Die Wirtschaft im Land, in dem rund 1,3 Millionen Menschen wohnen, kollabierte, und die Kriminalität blühte auf, was wiederum zu tiefen politischen Konflikten und schließlich zu blutigen Kriegen mit Russland führte. Am 11. Dezember 1994 begann der Erste Tschetschenienkrieg. Im August 1996 gelang es den Tschetschenen, Grosny zurückzuerobern und die Moskauer Truppen zu verdrängen. Ein Friedensvertrag bestätigte zwar die Eigenstaatlichkeit des Landes nicht, akzeptierte aber die Rebellen als Verhandlungspartner.


Rasman Kadyrow, Präsident von TschetschenienRasman Kadyrow, Präsident von Tschetschenien Präsident Kadyrow

Im August 1999 marschierten wahhabitische Truppen (eine puristisch-traditionalistische Richtung des neuzeitlichen sunnitischen Islam) im Nachbarstaat Dagestan ein, um es einem islamisch-fundamentalistischen Kalifatsstaat anzuschließen, der auf längere Sicht den ganzen Nord-Kaukasus umfassen sollte. Dort kam es dann zu schweren Gefechten mit der russischen Armee. Ende September waren die tschetschenischen Einheiten aus dem Nachbarland vertrieben worden. Nach den auf russischen Territorium verübten Terroranschlägen, die Moskau zufolge von Tschetschenen verübt waren (obwohl Grosny die Anschuldigungen zurückwies), begann der zweite Tschetschenienkrieg, als 1999 Putin, damals Ministerpräsident, eine militärische Lösung des Konfliktes ankündigte. Sein Ziel war es, das Land erneut unter die vollständige Kontrolle der russischen Zentralregierung zu stellen. Die Region erhielt wieder den Status einer autonomen Republik innerhalb Russlands. Bei den Präsidentschaftswahlen 2003 wurde Achmat Kadyrow zum Präsidenten des völlig zerstörten Landes gewählt. Er, ein ehemaliger Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, war zuvor an die Seite Russlands gewechselt. Ein Jahr später wurde der Gesinnungsakrobat bei einem Bombenanschlag getötet. Das Land kam nicht zu Ruhe, blutiger Terror war an der Tagesordnung.

Schwere Menschenrechtsverletzungen

Seit Mai 2007 wird die Russische autonomische Teilrepublik Tschetschenien mit harter Hand von Ramsan Kadyrow geführt. Der Sohn von Achmat Kadyrow ist auch der Chef der nach seinem Vater benannten Sicherheitstruppe Kadyrowzy, dem verschiedene Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt werden, wie beispielsweise Entführungen, Totschlag und Folter. In der Dokumentation „Tschetschenien. Vergessen auf Befehl“ von Manon Loizeau werden Kadyrow Junior, der seine politische Heimat in der Putin-Partei „Einiges Russland“ gefunden hat, schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen: Dissidenten seien die Zehen ausgerissen worden, ganze Familien würden verschwinden, Oppositionelle würde von einer kriminellen, vom Staatsoberhaupt gesteuerten Justiz gegen jede Tatsächlichkeit verurteilt. Zuletzt machte Kadyrow Schlagzeilen mit seinem Kampf gegen  Homosexuelle. Im Oktober hat die englischsprachige Webseite back2stonewall.com berichtet , dass der in Russland populäre kaukasische Sänger Zelimkhan (Zelim) Bakajew von den tschetschenischen Sicherheitsbehörden wegen seiner angeblichen gleichgeschlechtliche Liebe verhaftet und dann im Polizeigewahrsam zu Tode gefoltert worden sei. Augenzeugenberichten zufolge wurde der Schmusesänger in Grosny in ein Auto gezerrt und ist seither spurlos verschwunden. Nun fordert die Menschenrechtsorganisation Watch Human Rights Aufklärung des Falles. Ende September tauchten zwei Videos bei Youtube auf in denen Bakajew ausgelassen erzählt, dass er sich nach Deutschland abgesetzt habe. Freunde stellten die Authentizität des Videos in Frage. Nicht nur, weil russische Getränke auf dem Tisch stehen und die Innenausstattung des gezeigten Zimmers nicht deutsch aussieht, sondern auch, weil der Interpret mit seiner überbetonten Heiterkeit nicht wie er selbst wirkte. Es wird vermutet, dass der Verschwundene von seinen Kidnappern zu den Aufnahmen gezwungen wurde, um den Verdacht einer Verschleppung zu zerstreuen. Außerdem, hätte sich Bakajew tatsächlich in Deutschland aufgehalten, so bräuchte er keine Bedenken haben sich hier zu outen oder mit Freunden Kontakt aufzunehmen.Moschee in GrosnyMoschee in Grosny

In einem Dokumentarfilm von Ilja Jaschin wird dem Obertschetschenen noch Korruption vorgeworfen. Obwohl er laut eigener Steuererklärung 60.000 Euro pro Jahr verdient, führe Kadyrow einen luxuriösen Lebensstil mit einer Sammlung von teuren Uhren und Autos, einer Residenz sowie 102 Pferden. Nach Jaschins Meinung baut der Landesobere eine islamistische Despotie in Tschetschenien auf und gefährdet damit die nationale Sicherheit Russlands.

Vor drei Jahren berichteten Medien in Russland von einer Anti-Terroroperation gegen kaukasische Rebellen in der Hauptstadt Grosny. Kadyrow soll den Zugriff, während dessen mehrere Polizeibeamte getötet wurden, höchstpersönlich geleitet haben. Ein Jahr später war er Gast einer Hochzeit, bei der der Polizeichef Naschud Gutschigow seine zweite Frau, ein 17-jähriges Mädchen, heiratete. Trauungen mit Minderjährigen sind auch in Tschetschenien nicht erlaubt. Offensichtlich wurde der Teenager unter Zwang verheiratet. Kadyrow setzt sich auch sonst für die Mehrfachehe ein.

Trotzdem hatte der Kremlchef im Dezember 2004 ihm die Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“ verliehen. Im März 2015 wurde der Despot noch mit dem „Orden der Ehre“ ausgezeichnet, als Geste der Versöhnung mit dem Kreml, nachdem eine Untersuchung die Ermordung des Oppositionsführers Boris Nemzow mit Tschetschenien in Verbindung gebracht hatte. Die Republik in Nord-Kaukasien ist ein muslimischer Staat, und Kadyrow selbst ist Anhänger des sunnitischen Sufismus. Sunniten bilden die größte Glaubensrichtung im Islam. Der Sufismus wiederum spiegelt Strömungen wider, die asketische Tendenzen und eine spirituelle, oft mit Mystik verbundene Orientierung aufweisen. Vor sieben Jahren verkündete der Staatschef, dass die Scharia, die religiösen Gesetze des Islam über Russlands Gesetzen liege, weshalb die Feinde des Islam beseitigt werden müssten.

Mit Glamour werden blutige Taten und menschenfeindliche Äußerungen des Diktators verschleiert. Doch offensichtlich stören die Käufer der Kadyrow-Mode sich nicht an den Menschenrechtsverletzungen. (asie / tmich)

Quellen: BBC, YouTube, Wikipedia

Fotos: Screenshoot

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