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Staatstrauer in Russland: Militärmaschine mit Armeechor-Mitgliedern abgestürzt

Alexandrow-Ensemble der russischen ArmeeAlexandrow-Ensemble der russischen ArmeeAm 25. Dezember ist ein russisches Militärflugzeug rund sieben Minuten nach dem Start vom Flugplatz Adler in Sotschi (Region Krasnodar nahe der Grenze zu Georgien bzw. Abchasien) im Luftraum Russlands über dem Schwarzen Meer abgestürzt. An Bord waren 92 Menschen, darunter acht Besatzungsmitglieder, 64 Musiker des weltbekannten Alexandrow-Ensembles sowie neun Journalisten der russischen Sender Kanal-1, NTW und des Militärfernsehens „Zwezda“ (Stern). Auf der Passagierliste befanden sich noch zwei ranghohe Beamte, die Ärztin Jelisaweta Glinka, die Leiterin der Hilfsorganisation „Gerechte Hilfe“, die Medikamente überbringen sollte, und vier junge Ballerinen – Ralina Gilmanowa, Lilia Pyrjewa, Maria Klokotowa und Darja Trofimowa.

Russland rief für den 26. Dezember Staatstrauer aus. Der Kremlchef Wladimir Putin sprach den Familien und Freunden der Toten sein Beileid aus. Ministerpräsident Dmitri Medwedjew setzte Verkehrsminister Maxim Sokolow als Leiter der Untersuchungskommission ein. Dieser reiste sofort nach Bekanntwerden des Absturzes zum Unglücksort. Er erklärte, dass ein Terroranschlag möglich sei, doch wahrscheinlicher sei ein technischer Defekt oder ein Fehler des Piloten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Putin ihr Mitgefühl aus, ihre Gedanken seien bei den Angehörigen der Opfer. Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: „Die Nachrichten vom Absturz eines russischen Militärflugzeugs mit einem großen Armeechor an Bord über dem Schwarzen Meer erfüllen mich mit tiefer Trauer. Unser Mitgefühl ist mit den Familien und Angehörigen der Opfer dieser schrecklichen Katastrophe.“

Unterwegs nach Latakia

Die Maschine des Typs Tupolew Tu-154 des russischen Verteidigungsministeriums war nach ihrem Start vom Militärflugplatz Tschkalowski bei Moskau in Sotschi zwischengelandet. Sie war unterwegs nach Latakia in Syrien, denn die Künstler sollten den dort stationierten russischen Soldaten ein Neujahrskonzert geben. Ein Auftritt war zudem in Aleppo geplant. In Hmeimim betreibt Russland eine Luftwaffenbasis, von der seit September 2015 die Bombenangriffe zur Unterstützung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad gegen die Rebellen und die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) geflogen werden.Bergung des FlugschreibersBergung des Flugschreibers

Der Pilot soll keinen Notruf abgesetzt haben. Rettungskräfte suchten mit Schiffen, Helikoptern und Drohnen nach Opfern und Überlebenden. Trümmer der Maschine und Gepäckteile wurden in einer Entfernung von anderthalb bis fünf Kilometern vor der Küste entdeckt. Offensichtlich hat keiner der Insassen den Absturz überlebt. Inzwischen wurde der Flugzeugschreiber gefunden und geborgen.

Singendes und tanzendes Militärensemble

Das Alexandrow-Ensemble ist in der ganzen Welt bekannt. Auch viele westliche Künstler, unter ihnen die finnische Popgruppe Leningrad Cowboys, Helene Fischer oder Vincent Niclo, sind mit dem sogenannten Rote Armee-Chor aufgetreten. Die Welt konnte das Ensemble auch auf der Eröffnungsfeier zur Winterolympiade in Sotschi mit dem Lied „Get Lucky" begeistern. Der Chor gab pro Jahr rund 200 Konzerte. Der Solist Wadim Ananjew war nicht am Bord der Unglücksmaschine, seine Frau brachte ihr drittes Kind zu Welt. Ein junge Chormitglied war ebenso nicht dabei, da sein Pass abgelaufen war.

Das Gesangs- und Tanzensemble der russischen Armee wurde 1928 von Alexander Alexandrow, dem späteren Komponisten der ursprünglich sowjetischen und jetzt russischen Nationalhymne, gegründet. Er starb 1946 in Berlin während einer Tournee. Von 1946 bis 1987 wurde das Ensemble von seinem Sohn, dem Generalmajor Boris Alexandrow, geleitet. Das Repertoire reicht von russischen Volksliedern über Kirchenlieder und Opernarien bis zu modernen Stücken. In der Unglücksmaschine waren bis auf drei Personen alle Chormitglieder und ihr Dirigent Waleri Chalilow.

Veraltete Technik

Die Tupolew-154 ist ein dreistrahliger Mittelstreckenflugzeugtyp, von dem zwischen 1968 und 2013 mehr als 950 Maschinen gebaut wurden. Das Flugzeug bietet Platz für bis zu 180 Passagiere. Obwohl die Maschinen technisch längst überholt sind, werden sie immer noch eingesetzt. Der Jungfernflug fand 1968 mit dem Testpiloten Gorianow statt. Vier Jahre später kaufte auch die zivile Fluggesellschaft Aeroflot die Maschinen, die der amerikanischen Boeing 727 ähnlich sind. Aeroflot flog die Maschine erstmals am 9. Februar 1972 auf der Strecke vom nordkaukasischen Mineralnyje Wody nach Simferopol auf der Krim. Der erste Auslandsflug führte am 1. August 1972 nach Prag. Heute sind die Tu-154 nur noch für staatliche Organisationen und das Militär im Einsatz. Die letzte Maschine wurde 2013 gebaut. Die ehemalige sozialistischen Bruderländer setzten die Maschine auch als ihre Präsidentenjets ein.

Nach mehreren Unfällen ordneten die russischen Behörden 2011 an, die Tu-154 im Passagierverkehr peu à peu aus dem Verkehr zu ziehen. Am 10. April 2010 war die polnische Präsidentenmaschine beim Landeanflug auf die russische Stadt Smolensk in dichtem Nebel abgestürzt. Unter den 96 Todesopfern war auch Polens Präsident Lech Kaczynski. (asie/tmich)

Quellen: Delfi, Die Welt, Der Spiegel, Wikipedia, Zwezda

Fotos: Screenshot



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