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17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Venezuela übergibt Costa Rica von Esten konfiszierte Kunstgegenstände

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Harry Männil, BuchumschlagHarry Männil, BuchumschlagVenezuela hat dem Nationalmuseum von Costa Rica fast 200 Kunstgegenstände aus der Zeit vor Columbus übergeben übergeben, die das südamerikanische Land von dem estnischen Geschäftsmann und Kunstsammler Harry Männil konfisziert hatte. Die Beschlagnahmung im Jahr 2009 fand statt, als Männil versuchte, die Indianerkunst in die Vereinigten Staaten zu bringen. Weitere, ursprünglich aus Costa Rica stammende Gegenstände wurden von seiner Familie nach dem Tod des Esten konfisziert. Die juristische Grundlage für die Beschlagnahmung der antiken Kunst ist unklar, weil Venezuela, wo Männil seit dem Kriegsende wohnte, keine Anklage erhoben hatte.

Harry Männil wurde 17. Mai 1920 in Tallinn in die Familie eines Eisenhändlers geboren. Nach dem Abitur 1938 am Gustav Adolf Gymnasium studierte er Wirtschaft an den Universitäten in Tallinn und Tartu. Als die Rote Armee Estland okkupierte und estnische Männer rekrutieren wollte, flüchtete Männil 1941 in den Wald. Nachdem die Wehrmacht am 22. Juni die Sowjetunion überfallen hatte und die russischen Sreitkräfte sich zurückzogen, kam der Este zur Sicherheitspolizei. Warum er schon ein Jahr später wieder gehen musste, ist nicht bekannt. Nachgewiesen ist, dass Männil in der Registratur arbeitete und seine Aufgabe darin bestand, Informationen zu sammeln und zu bearbeiten. Er hatte nachweislich nie an Verhören oder Ermittlungen teilgenommen. 1943 ging Männil nach Finnland und von dort aus weiter nach Schweden.

1955 heiratete Männil Mazula D´Empaire und bekam mit ihr vier Kinder. Der Geschäftsmann – viele Jahre leitete er eines der größten Unternehmen Venezuelas, die ACO-Group – war auch als Sammler der Indianerkunst vor der Columbus-Zeit und als Kunstmäzene bekannt.

Schuld nicht bewiesen

Das Simon Wiesenthal - Zentrum beschuldigte Männil viele Jahre, ein Kriegsverbrecher gewesen zu sein. Er stand auch auf der Liste der meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher. Nazijäger warfen ihm vor, während seiner Arbeit für die estnische Sicherheitspolizei im Verlauf der Deutschen Besatzung in Estland 1941 und 42 mehrere Menschen, vor allem Juden, ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft in Estland hat die Ermittlungen gegen Männil im Jahr 2005 eingestellt, denn die Behörde konnte keine Hinweise auf seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit finden.

Als Männil 2001 Estland besuchte, versicherte er in einem Interview für die Tageszeitung „Postimees“ und der Baltischen Nachrichtenagentur BNS, niemals mit Nazis gegen Juden zusammengearbeitet zu haben. „Ich habe in unseren Diensträumen nie einen Deutschen gesehen,“ sagte Männil. Er brachte vor, dass die Sicherheitspolizei damals junge Männer mit Sprachkenntnissen gesucht hatte und dass er dem estnischen Staat dienen wollte. 1943 hatte er laut Eigenaussage Estland verlassen, weil die deutsche Geheimpolizei, die Gestapo ihn verhaften wollte.

Wurde Männil denunziert?

Die Wochenzeitung „Eesti Ekspress“ berichtet, dass ein Deutscher Namens Wolfgang Sonnenfeld Männil beschuldigte, Nazi zu sein. Der Este wollte in Helsinki sein abgebrochenes Studium wieder aufnehmen und brauchte dafür eine Aufenthaltserlaubnis und ein Stipendium, was er in Stockholm beantragen musste. Sonnenfeld, Sekretär der Komitees für Studentenhilfe, lud Männil zum Abendessen ein. Dort bemerkte der Student, dass Sekretär schwul war und mit ihm eine intime Beziehung eingehen wollte. Weil der Este damit nicht einverstanden war, hatte Sonnenfeld ihn angezeigt. Die schwedische Polizei ist den Beschuldigungen nachgegangen.

Roland Lannes gab zu Protokoll, dass Männil, so habe er gehört, an der Erschießung von Juden, Kommunisten und estnischen Patrioten teilgenommen und deren Vermögen an sich genommen habe. Seine Vorhaltungen konnte der Zeuge indes nicht beweisen.

Ilmar Roots erklärte, dass Männil im Dezember 1941 aus dem Dienst entlassen wurde, weil er Vermögen estnischer Staatsbürger an sich genommen hatte. Roots fügte jedoch bei, er wisse nicht, ob die Gerüchte stimmen oder nicht. Bewiesen ist, dass Männil erst am 10. Juni 1942 entlassen wurde.

Ein Arbeitskollege des Beschuldigten, Uno Andrusson, bezeugte, dass in der Regel die jungen Assistenten, also auch Männil, die Verdächtigen festnahmen hatten. Doch Männil hatte sich immer korrekt verhalten. Nicht strittig ist, dass Männil als Sicherheitspolizeibeamter in der Tat die Juden verhörte, doch das gehörte zu seinen Tätigkeitsbereich – er war eingestellt, um Informationen zu sammeln.

Ein weiterer Kollege, Valfrid Jaarma, brachte vor, dass Männil nach seiner Entlassung Geschäfte mit Gold und Wertgegenständen machte, die estnische Flüchtlinge in Finnland bei sich hatten. Jaarma sagte: „Männil war begabt, doch kalt.“ Der Beschuldigte selber dementierte die Aussagen.

Neid unter der estnische Flüchtlingen

Im September 1944 kam der Este in Schweden an und verbrachte dort einige Zeit im Flüchtlingslager. Dort bekam er den Neid seiner Landsleute zu spüren. Die estnischen Flüchtlinge konnten nicht verkraften, dass Männil die Begabung hatte, immer richtige Menschen zu finden, die seine Wünsche erfüllten. Da seine schwedische Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert wurde, fuhr der Este im Februar 1946 nach Venezuela. Offensichtlich ließ sein Instinkt ihn wiedermal nicht im Stich. In seiner neuen Heimat machte Männil eine steile Karriere und wurde nicht nur reich, sondern noch als Kunstsammler bekannt.

Dunkle Wolken zogen im November 1989 auf. Efraim Zuroff, Chef des Simon Wiesenthal-Centrums, schickte einen Brief an die Staatsanwaltschaft der Sowjetunion und bat um Informationen über den angeblichen Naziverbrecher Harry Männil. Im April 1990 teilte der sowjet-estnische Staatssicherheitschef (KGB) Rein Sillar der Moskauer Behörde mit, dass im Archiv keine Informationen über den Beschuldigten zu finden sind.

Nazijäger Zuroff gab nicht nach. Im Dezember 1993 bekam der damalige Staatspräsident der wiederhergestellten Republik Estland, Lennart Meri, einen Protestbrief, in dem verlangt wurde, Männil aus dem Vorstand des Institutes für Baltische Strategische Aufklärungen zu entlassen. Danach zeigten auch die US-Behörden an Männil Interesse. Der Este wurde verhört, sein lebenslanges Visum annulliert. Auch estnische Behörden nahmen Ermittlungen auf, doch fanden sie keine Beweise für die Vorwürfe Zuroffs, der nun behauptete, in US-Archiven befinde sich Material, das Männis Schuld beweist. Dann stellte sich heraus, dass die Amerikaner nicht einmal mit Ermittlungen gegen den Esten angefangen hatten und ihrerseits Beweise aus Estland haben wollten.

Moskau schweigt

Der „Eesti Ekspress“ wundert sich über die Tatsache, dass Russland, das sonst immer laut und gerne Estland in Zusammenarbeit mit Faschisten beschuldigt, bei der Ermittlungen gegen Männil keine Hilfe angeboten hatte. Im Gegenteil, Moskau behauptet sogar keine Informationen über den angeblichen Nazi aus Estland zu haben. Diese Behauptung sei nicht nachvollziehbar. Männil kannte nämlich den US-Präsidenten Gerald Ford sehr gut. Ford wiederum hat oft den damaligen sowjetischen Botschafter in Venezuela, den Esten Vaino Väljas, getroffen. Und Moskau zeigte keine Interesse?

Harry Männil war ein Lebenskünstler, er hatte immer gutes Bauchgefühl bei der Menschen, die ihm nützlich sein könnten. Er machte dabei keinen Unterschied, ob es sich dabei um Juden, Deutsche, Russen oder Esten handelte.

Der Unternehmer und Kunstsammler war 1979 auf einem offiziellen Besuch in Israel und traf dort Ariel Sharon. Mit seinem Geld hat der Este auch jüdische Organisationen unterstützt, und in den USA hat ein jüdischer Anwalt sein Interesse in Visumangelegenheiten vertreten.

Harry Männil starb am 11. Januar 2010 in San José in Costa Rica. Seine Vergangenheit wirft aber immer noch Fragen auf. (Aino Siebert mit Materialien von Postimees, Eesti Ekspress, Wikipedia)

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