Google+
Werbung
- Neueste Nachrichten aus den baltischen Staaten und Deutschland -
www.baltikum-blatt.eu
17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Deutschland: Schweres Zugunglück in Oberbayern

Signalhorn am Rettungsfahrzeug - SymbolbildVon Aino Siebert

Auf der Bahnstrecke Rosenheim – Holzkirchen, in der Nähe von Bad Aibling in Oberbayern, stießen am Faschingsdienstagmorgen, 9. Februar zwei, von dem Privatunternehmen Bayerische Oberlandbahn betriebene Regionalzüge des Typs Meridian frontal zusammen. Das Unternehmen gehört zum französischen Transportriesen Transdev. „Die Züge müssen mit sehr hoher Geschwindigkeit aufeinandergeprallt sein“, sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf einer Pressekonferenz gestern, die im Rathaus von Bad Aibling stattgefunden hatte und im Fernsehen übertragen wurde.

Die Höchstgeschwindigkeit in der kurvenreichen Strecke liegt bei 100 Kilometern in der Stunde. Auch die Unfallstelle befindet sich in einer Biegung, sodass die Lokführer keinen Blickkontakt zueinander haben konnten. Dobrindt zufolge ist die Strecke mit dem automatischen Sicherungssystem PZB 90 ausgestattet, das eine Kollision von Zügen durch Zwangsbremsung abwenden soll. Warum das Stoppsystem versagte, wird zur Zeit noch ermittelt. Die beiden Züge verfügten, so der Bundesminister weiter, über drei Blackboxen, von denen zwei bereits geborgen seien. Die Auswertung des Inhaltes könne Auskunft über die Unfallursache geben. Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn bemerkte, es habe auf der 37 Kilometer langen Strecke noch nie Probleme gegeben. Die letzte Überprüfung soll in der letzten Woche stattgefunden haben.

Zehn Tote geborgen

Dem Rosenheimer Polizeipräsidenten Robert Kopp zufolge waren insgesamt rund 150 Reisende in den beiden Zügen. Bei dem Unglück sind nach bisherigem Stand zehn Menschen ums Leben gekommen. Entsprechend dem Bayerischen Rundfunk waren unter den Toten auch die beiden Lokführer. Die Polizei will vor einer Bestätigung jedoch noch die Obduktion abwarten. In einem Zug war neben dem Zugführer noch ein Auszubildender. Sein Schicksal ist unklar. Wie die Polizei mitteilte, wurden 18 Schwer- und 90 Leichtverletzte geborgen. Eine vermisste Person befindet sich immer noch in dem Wrack - es muss befürchtet werden, dass diese nicht mehr lebt. Die Unfallopfer wurden in die naheliegenden Kliniken ausgeflogen, Menschen mit schweren Verletzungen werden in München versorgt. Auch das Nachbarland Österreich stellte Krankenhausplätze zur Verfügung und hilft tatkräftig mit, um den verunfallten Menschen zu helfen.

Glück im Unglück war, dass wegen der Faschingsferien nur wenige Menschen und keine Schulkinder im Zug saßen. In der Regel wird diese Strecke von zahlreichen Pendlern genutzt, viele von ihnen fahren nach München. Zum Glück konnte auch die Rettungszentrale die Einsatzkräfte noch zu Hause erreichen, sodass das schnelle Eintreffen der Helfer, die größtenteils ehrenamtlich arbeiten, gesichert war. Zudem spielte das Wetter mit, die Hubschrauber konnten ohne Schwierigkeiten starten. Die milden Temperaturen haben dafür gesorgt, dass die Opfer, deren Bergung in einigen Fällen bis zu drei Stunden dauerte, nicht erfroren sind.

Wie der Sprecher der Rosenheimer Polizei mitteilte, schwebt in den Krankenhäusern kein Verletzter mehr in Lebensgefahr.

Hunderte von Rettungshelfern im Einsatz

Neben der Luftrettung waren noch Beamte der Bayerischen und der Bundespolizei, Feuerwehrleute, Rettungsdienste, darunter Wasser- und Bergwacht sowie Technisches Hilfswerk und Rettungshunde im Einsatz. Rettungskräfte mussten sich aus der Luft abseilen, weil Hubschrauber an der schwer zugänglichen Stelle nicht landen konnten. Ein Großaufgebot an Helfern kümmerte sich um die Verletzten. Helikopter brachten, zum Teil in Bergungssäcken, die Schwerverletzten zuerst von der Unfallstelle in die Krankenhäuser. Die zahlreichen Leichtverletzten bekamen Erste Hilfe in einer Sammelstelle. Die Wasserwacht war ebenso am Ort und half, die Verletzten an das andere Ufer des Flusses Mangfall überzusetzen (der Unglücksort liegt zwischen dem Mangfall und einer Berghangkante, die zum Fluss hin abfällt).

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte auf der Pressekonferenz: „Wir wissen nicht, ob nicht noch mehr Tote in den ineinander verkeilten Zügen gefunden werden. Das ist wirklich schrecklich. Das ist schon eines der großen Eisenbahnunglücke in der jüngeren Vergangenheit in Deutschland und speziell bei uns in Bayern.“ Herrmann brachte noch vor, dass es eine „Abweichung von Fahrplan“ gegeben habe, dessen Ursache noch unklar sei: Nach Ablaufplan sollten sich beide Züge erst in Kolbemoor, ein paar Kilometer weiter von Bad Aibling, treffen.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet unterdessen, dass menschliches Versagen das schwere Zugunglück verursacht haben soll. Die Behörden haben dem Blatt zufolge Stellwerk und Fahrdienstleitung unter die Lupe genommen. Die Polizei hatte gestern Abend die Informationen indes als „reine Spekulation“ bezeichnet, so die SZ.

Die Bild-Zeitung Online meldet unter Berufung auf Informationen aus Ermittlerkreisen, dass ein Bahnbediensteter das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt hatte, um einen verspäteten Triebwagen noch „quasi von Hand durchzuwinken".

In Rosenheim wurden alle Karnevalsveranstaltungen abgesagt. Fast alle bayerischen Parteien verzichten zudem auf den traditionellen Politischen Aschermittwoch. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte ihre Teilnahme an einer Karnevalsveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern ab. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte: „Meine Gedanken sind bei den Opfern dieser schweren Katastrophe.“ Er forderte, die Ursachen der Katastrophe „schnell aufzuklären“. Seehofer will heute das Unglücksstelle besuchen.

Erschreckendes Bild an der Unfallstelle

Speziell geschulte Beamte der Kriminalpolizei übernahmen unter Leitung der Staatsanwaltschaft Traunstein und mit Unterstützung von Kollegen der Bundespolizei die Ermittlungen zum Hergang des Unglücksfalles. Zur genauen Ursache können derzeit noch keine Angaben gemacht werden, die Aufklärung stehe hier noch am Anfang. Der Leitende Staatsanwalt Wolfgang Giese betonte, die Ermittlungen gehen in alle Richtungen. Giese warnte vor Spekulationen und gab zu bedenken, dass die Angehörigen der Opfer, aber auch die Rettungskräfte selbst, jetzt mit schwerstem Leid und den schrecklichen Verletzungen der Verunglückten zurecht kommen müssen – an der Unfallstelle biete sich ein erschreckendes Bild.

Für Reisende hat der Bahnbetreiber einen Busersatzverkehr eingerichtet. Wann die Strecke wieder befahrbar wird, ist unklar.

Auf seiner Internetseite ruft der Blutspendedienst München zum Blutspenden auf: „Aufgrund des tragischen Zugunglücks besteht akut ein deutlich erhöhter Bedarf an lebensrettenden Blutkonserven.“ Spender sollten Termine an Spendenmobilen wahrnehmen oder in die Blutspendezentrale kommen.

Für Angehörige wurde eine Krisen-Hotline eingerichtet. Die Telefonnummer lautet 0395 / 43 08 43 90. Ein polizeiliches Hinweistelefon für Bürger ist unter der Telefonnummer 08031 / 2 00 31 80 ebenso freigeschaltet. Bei der Freiwilligen Feuerwehr Kolbermoor ist zudem eine Anlaufstelle eingerichtet worden, wo Angehörige der Verunglückten und Vermissten Auskunft bekommen können. (Deutsche Bearbeitung: Thomas Michael)

Symbolfoto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert

 


Werbung
tolino portofrei bestellen
Werbung
www.klingel.de