Google+
Werbung

Bei sexuellem Missbrauch klare Kante zeigen

Buchcover „Mina olen enda oma“ von Juhani Püttsepp

Von Aino Siebert

Das Baltikum-Blatt berichtete am 13. Oktober über einen Skandal um den früheren Ministerpräsidenten Estlands, Taavi Rõivas. Dem Politiker der wirtschaftsliberalen Reformpartei (Reformierakond) wirft eine Frau vor, sie auf einer Veranstaltung in Malaysia sexuell bedrängt zu haben.

Rõivas entschuldigte sich öffentlich, ohne ins Detail zu gehen, und trat vom Posten des Parlamentsvizepräsidenten zurück. Die Medien haben danach den Fall genüsslich ausgeschlachtet, zahlreiche Meinungen wurden veröffentlicht.

Was tatsächlich in Kuala Lumpur passiert ist, wissen nur die zwei Beteiligten: die in die Anonymität geflüchtete Dame und Rõivas. Das mutmaßliche Opfer hat keine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet, angeblich auf Rat eines Bekannten, der behauptete, dass die malaysische Justiz Fälle mit Ausländern nur schleppend bearbeite. Sie habe zudem mit einem Anwalt am Ort überprüft, ob der Vorfall mit einer Sicherheitskamera festgehalten wurde. Unklar bleibt, warum die Frau nicht um Hilfe gerufen oder später, nach der Rückkehr zu den anderen Teilnehmern, sich offenbart hat. Dennoch stand ihr frei, eine Anzeige zu erstatten. Auch in Estland steht Verletzung sexueller Selbstbestimmung unter Strafe.

Katrin, so wurde sie von der Zeitung genannt, sah es auch nicht als nötig an, nach ihrem tief traumatisierenden Erlebnis eine psychologische Beratung oder sonstige professionelle Hilfe zu suchen. Stattdessen wandte sie sich aufs Neue an die Presse. Die Tageszeitung „Eesti Päevaleht“ veröffentlichte am 21. Oktober ein Interview mit dem vermeintlichen Missbrauchsopfer.

Doch wer den Bericht zu Ende gelesen hat, fragt sich, warum Katrin das Erlebte erneut der Öffentlichkeit zur Schau stellen will. Warum musste sie sich nochmals vor dem breiten Publikum rechtfertigen? Sie selbst bringt nämlich vor, die Situation sei schon nach ihrer ersten medialen Aussage eskaliert. Dann macht die zweite, noch mehr verwirrende Stellungnahme die Lage für sie noch schlimmer. Menschen in Estland, aber auch im Ausland, die auf der Abendveranstaltung in Kuala Lumpur nicht dabei waren, bilden sich nun einmal nach dem Lesen der Berichte ihre persönliche Meinung über sie, diskutieren den Fall zu Hause, in Geschäften, überall.

Was hat sie erwartet? Im kleinem Estland, wo alle Menschen sich irgendwie kennen und viele Zeitungen in Konkurrenz stehen, wird eine Missbrauchsnachricht mit Handkuss aufgegriffen, verbreitet und kommentiert. Offensichtlich ist Katrin auch nicht ganz anonym geblieben, denn sie erzählt selber von vielen weiteren Anfragen, die sie schon von den verschiedenen Medien bekommen habe. Damit wird es nur eine Frage der Zeit sein, wann ein Journalist, eventuell aus Rache wegen eines nicht erhaltenen Interviews, ihren vollen Namen veröffentlicht wird.

Katrin nennt den mutmaßlichen Täter liebevoll „Taavi“, nicht „Herr Rõivas“, als würde er ihr trotz seiner „schrecklichen Tat“ etwas bedeuten. Sie wollte laut Eigenaussage „Taavi“ in den Medien nicht „vernichten“, sie erwarte von ihm nur eine „Entschuldigung“. Warum nahm sie dann nicht direkt mit Rõivas Kontakt auf, um die Angelegenheit zu klären? Oder mit seiner Frau Luisa, die sie angeblich kennt? Warum nimmt sie den Weg über die Medien?

Katrin hatte dem Bericht zufolge mit einer Lokaljournalistin über ihren angeblichen Missbrauch „einfach so, wie unter Freundinnen, gesprochen“. Kann eine Frau, die eine politische Karriere anstrebt, so naiv sein, dass sie nicht weiß oder auch nur ahnt, wohin so ein „vertrauliches“ Gespräch mit einer Reporterin führt? Journalisten sind keine Freunde oder Psychologen, sie sind immer auf der Jagd nach einer guten Story. Es ist schwer zu glauben, dass Katrin nicht wusste, dass ein Artikel, in dem ein ehemaliger Spitzenpolitiker im Mittelpunkt steht, sich sehr gut verkauft und „Taavi“ einen Schaden zufügen wird.

Sie sagt, dass sie anonym bleiben wolle, weil „sie ihr Leben weiter leben will“. Wer ihren Namen in Zukunft googelt, sollte nur Positives über sie erfahren: ihre Leistungen, ihre politische Karriere und ihre schöne Familie. Sie will nicht als „Opfer“ in Erinnerung bleiben.

Mit ihren Aussagen im „Eesti Päevaleht“ hat Katrin jedoch selbst dafür gesorgt, dass sie als „Missbrauchsopfer“ nicht vergessen wird. Genau so wie Monica Lewinsky oder Jörg Kachelmanns Geliebte Claudia Dinkel. Heute wissen wir, dass Bill Clinton den Fall politisch fast unbeschadet überlebt hat, Lewinsky dagegen wird der Weltöffentlichkeit für immer als Sexgefährtin des amerikanischen Präsidenten in Erinnerung bleiben. Kachelmann wurde nach einem langen und unappetitlichen Prozess wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Seine damalige Flamme muss mit dem Verdacht leben, den Wetterfrosch aus Rache angezeigt und hinter Gitter gebracht zu haben. Das schreckt die meisten Männer ab, und aus diesem Hintergrund wird es für sie nun schwierig sein, eine normale Frau-Mann-Beziehung aufzubauen.

Die Medien können tatsächliche oder eingebildete Probleme der Menschen nicht lösen. Sexueller Missbrauch hinterlässt an den Opfern tiefe Wunden, die nur schwer zu heilen sind. Deswegen ist es enorm wichtig, dass traumatisierte Frauen klare Kante zeigen und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Der Fall des Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein und #MeToo hat uns jüngst gelehrt, dass Anschuldigungen über einen nicht einvernehmlichen sexuellen Kontakt, bzw. Berührungen nur dann zu einem Schuldspruch führen können, wenn sich die Frauen tapfer gegen ihre Opferrolle wehren. Frauen selbst müssen mutig zu ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung stehen. Der mutmaßliche Täter Taavi Rõivas hat seine Schuld, der Frau unangenehme Momente beschert zu haben, eingestanden. Er entschuldigte sich bei Katrin und bei seiner Ehefrau.

Katrin dagegen will offensichtlich nicht aus ihrer Opferrolle heraus. Denn sie will nicht die Sühne, sondern das kollektive Mitleid für etwas, was nicht klar definiert ist.

Das Erlernen der sexuellen Selbstbestimmung beginnt schon mit der Erziehung im Elternhaus, im Kindergarten und später in der Schule. Kinder müssen früh verstehen, dass sie selbst über ihren Körper bestimmen und immer auch „nein“ sagen dürfen, manchmal sogar müssen. Das gilt sowohl der Mädchen als auch der Jungen. Nicht zu vergessen: Es gibt durchaus auch die Frauen, die das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Männer verletzen.

Anfang September hat die estnische Kinderschutzunion gemeinsam mit dem Justizministerium ein Buch von Juhani Püttsepp „Mina olen enda oma“ („Ich gehöre mir selbst“) vorgestellt. Die Lektüre, die Eltern und Erziehern wertvolle Tipps zum Umgang der Kinder mit dem eigenen Körper gibt, ist auch im Internet kostenlos erhältlich.


Werbung
Werbung