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Keine Vielfalt der Lieder beim ESC

Von Erich Lienhart aus Bühl

„Celebrate Diversity“ („Vielfalt feiern“) war das Motto des diesjährigen Eurovision Song Contests (ESC) am 13. Mai in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Von Vielfalt war bei den Liedern am Samstagabend aber nichts zu spüren: In Englisch gesungen, charakterloser Pop-Müll, beliebig, austauschbar – ein Trend, der seit einigen Jahren den einstmals für seine großen Chansons bekannten Wettbewerb trübt. Und ein Trend, der über den Song Contest hinausgeht. Je mehr Europa über Vielfalt redet, so scheint es, desto stärker sind Vereinheitlichungstendenzen wahrzunehmen.

Selbst Länder, die früher stets mit Liedern in der Landessprache an den Start gegangen sind – wie Israel und Serbien –, machen mit beim englischen Retortensingen. Aber auch Teilnehmer, die schon seit Jahren auf Englisch auftreten, präsentierten noch bis vor kurzem zumindest Titel, die einen nationalen Musikcharakter erkennen ließen. Diese Zeiten sind vorbei.

Aber es besteht Hoffnung. Portugal, das stets mit eigenen Beiträgen an den Start gegangen ist und dabei bisher nicht ein einziges Mal unter die besten Fünf kam, ist seiner Linie treu geblieben. Es zahlte sich aus: Eine gefühlvolle, schwermütige Ballade "Amar pelos dois" („Liebe für zwei“), in der Landessprache gesungen, erwärmte nicht nur die Herzen der Jurys der teilnehmenden Länder, sondern auch die des Publikums.

„ Wir leben in einer Welt der Wegwerf- und Fastfood-Musik ohne jeden Inhalt“ sagte der 27-jährige Jazz-Musiker Salvador Sobral nach seinem Sieg. „Musik ist kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl, lasst uns die Musik zurückholen.“ Der finale Auftritt mit seiner Schwester, die das Lied geschrieben hatte, war eine Sternstunde des ESCs.

Es bleibt zu hoffen, dass Sobrals Sieg im kommenden Jahr, wenn sich die Eurovision-Familie in Portugal treffen wird, weitere Länder dazu anspornt, Lieder mit Charakter ins Rennen zu schicken, die Ausdruck der jeweiligen Mentalität und musikalischen Kultur sind. Und Vielfalt heißt aber eben auch: Jeder singt in seiner Sprache – eine von 1978 bis 1999 geltende Regel, über deren Wiedereinführung man durchaus nachdenken könnte. Vielleicht wird es ja dann auch mal wieder ein Erfolgserlebnis für Deutschland geben. Die Europäer hielten von Levinas Plunder-Nummer zu Recht nichts.

Anmerkung der Redaktion: Die Beiträge aus Estland, Lettland und Litauen waren schon im Vorentscheid ausgeschieden.

Foto: ESC / YouTube Screenshot