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Europa ist toleranter als wir glauben

Von Aino Siebert

„Dieser Abend gehört denen, die für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen,“ sagte die bärtige Eurovision-Song-Contest (ESC) – Gewinnerin Conchita Wurst (25) nach ihren unglaublichen Triumph in Kopenhagen. Die Österreicherin siegte Dank vieler Stimmen aus ganz Europa. Insgesamt 290 Punkte erhielt sie aus 32 der 37 teilnehmenden Staaten und hatte somit am Schluss einen beachtlichen Vorsprung von 52 Punkten vor dem zweitplatzierten holländischen Gruppe „Common Linnets“. Selbst Menschen aus traditionell Homosexuell-feindlichen erzkatholischen oder Ost-Europa Ländern stimmten für die gleichgeschlechtliche Dragqueen, die eigentlich ein Mann Namens Thomas (Tom) Neuwirth ist.

Der Travestie-Künstler gewann mit dem Lied „Rise Like A Phoenix“ (Der Phönix ist erschienen). In einer imponierenden Bühnenshow überzeugte Conchita sowohl Zuschauer als die Juroren der Teilnehmerländer des ESC. In Deutschland landete sie im offiziellen Televoting der EBU sogar auf Platz Eins, während die Jury aus Deutschland sie nur auf Platz 11 wählte.

"Mit dieser verschwulten Zumpferl-Romantik kann ich nichts anfangen", sagte der österreichische Kabarettist Alf Poier noch vor der Kopenhagen-Show und bezeichnete Wurst als" künstlich hochgezüchtetes Monster". Doch heute nahm Poier seine entwertenden Worte zurück indem er sich via Facebook entschuldigte: "für die meinerseits übertriebene Wortwahl". Zuvor hatte er brav gratuliert: "Auch wenn Dein Beitrag nicht nach meinem Geschmack war. - Aber Platz Eins für Österreich ist sensationell."

Politische Botschaft
Ihren verblüffenden und unerwarteten Riesenerfolg hat die Dame Wurst wohl ihrer politischen Botschaft zu verdanken. Das Thema „Homosexualität“ spaltet heute noch Teile der Welt. Auch in baltischen Ländern werden Gleichgeschlechtliche angefeindet, dafür sorgen die Konservativen und die Vertreter der (katholischen) Kirche mit ihrer ununterbrochenen Hetze. Doch die jüngere und vor allem besser aufgeklärte Generation sieht das Thema „Homosexualität“ viel lockerer. Sie haben Freunde oder Studien- und Arbeitskollegen mit anderer sexueller Orientierung und fühlen sich unter anderem von den Aussagen von Russlands Präsident Wladimir Putin, der Schwule und Lesben mit menschenfeindlichen Gesetzen verfolgt, bedroht. Man kann zudem davon ausgehen, dass auch die Aggressionspolitik und Stalin-Rethorik des Kremlchefs eine große Rolle bei der Abstimmung spielte. Hunderte Stimmen für Conchita und laute Buh-Rufen gegen Russland im Saal zeigten einen geschlossenen europäischen Protest gegen die Politik von Putin und eine hohe Akzeptanz für die sexuellen Minderheit. Die Abstimmung war eine schallende Ohrfeige für alle Homophoben. Viele von ihnen lassen bereits im Netz ihrer Wut freien Lauf. Doch Madame Wurst lässt sich auch von giftigen Bemerkungen die Feierlaune nicht verderben, sie machen die ECS-Gewinnerin noch stärker.

Extrabotschaft für Putin
Seinen Sieg widmete Concita Wurst all denen, „die an eine friedliche und freie Zukunft glauben.“ Für den Kremlchef hatte der offen homosexuell lebende 25-Jährige noch eine Extrabotschaft parat: „Ich weiß nicht, ob Putin das liest, aber falls ja, sage ich ganz klar: Wir lassen uns nicht stoppen!“ Damit begründete er einen neuen Solidaritäts-Hashtag (#unstoppable) - und am Ende gab es auch noch fünf Punkte aus Russland für Österreich. Die Männer im Kreml haben nicht unendlich Macht über ihr Volk.

Wie hilflos sie sich nun fühlten, zeigen einige Stimmen aus Putin-Reich. Das Ergebnis zeige "Anhängern einer westlichen Welt, was sie dabei erwartet – eine Frau mit Bart", schrieb Vizeregierungschef Russlands, Dmitri Rogosin im Twitter. Der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski zeigte sich im russischen Fernsehen ganz außer sich: "Unsere Empörung ist groß, das ist das Ende Europas. Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es." Danach gab der ewige Schreihals noch einen drauf: "Vor 50 Jahren hatte die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen." Es war als Hinweis auf die Besatzungszeit in Ost-Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg gemeint.

Kunstwerk Conchita Wurst
Conchita Wurst ist ein Kunstwerk. "Conchita" steht für "heiße Latina", "Wurst" ist ein anderes Wort für "egal". "Es ist mir Wurst" - egal, ob jemand schwul ist oder als Mann Frauenkleider trägt oder sonst wie aussieht.

Ihr Markenzeichen ist provokante Mischung aus männlich und weiblich: Ein enges elegantes Kleid, eine Echthaarperücke im Farbe „Rauchige Kastanie“, High Steels und perfekt getrimmtet Bart.

 



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