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Stasi: Verschluss-Sachen

Stasi-Gefängnis in Berlin-HohenschönhausenStasi-Gefängnis in Berlin-HohenschönhausenDas Stasi-Unterlagen-Archiv enthält die ungeheure Hinterlassenschaft von 40 Jahren geheimpolizeilicher Arbeit in der früheren Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Über hundert Kilometer Akten aus dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund Stasi genannt, bezeugen, wie der kommunistische Staat seine Bürger überwacht und unterdrückt hatte.

Jede Akte erzählt über ein menschliches Schicksal und zeigt, wie die Kommunisten, die eigentlich für die Menschen ein besseres, friedlicheres Leben aufzubauen versprachen, sich in das Leben der Bürger bis ins intimste Detail einmischten, sie verfolgten, verhafteten, quälten, sogar töteten.

Im Archiv gibt es aber auch Akten über die willigen Kollaborateure des Regimes, die ihren Dienst gerne im Unterdrückungsapparat leisteten. Ein Menschenleben hätte nicht zerstört werden können ohne Offiziere, die Bespitzelungen angeordnet, Vorgänge angelegt, Fotos gemacht, Berichte geschrieben und zuletzt archiviert haben. In den meisten Fällen wurden die Verfolgten auch verhaftet, in Gefängnissen brutalst gequält, um ihre Seele zu zerstören und sie zu guten Kommunisten „zu erziehen“, sowie Geständnisse zu erpressen, um sie danach vor Gericht zerren zu können. Regimetreue Staatsanwälte haben danach Anklagen erhoben, Richter haben die Menschen, die sich der Diktatur nicht beugen wollten, zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Methodisch wurden tausende Menschenleben zerstört, Familien getrennt, ihnen sogar Kinder weggenommen, in Heime gesteckt oder ohne Zustimmung der Eltern zur Adoption freigegeben. Viele Oppositionelle wurden aus der Haft freigekauft, das heißt im Klartext, dem Westen gegen Devisen wie Sklaven verkauft, oder sie wurden gleich gezwungen, einen Ausreiseantrag zu stellen. Wer versuchte, aus dem menschenverachtenden Staat zu fliehen, wurde getötet oder wegen Republikflucht zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die DDR war ein großes Gefängnis, wo versucht wurde, selbstständiges Denken der Bürger zu unterbinden.

Nun hat das Archiv für Stasi-Unterlagen ein neues Buch „Verschluss-Sachen“ veröffentlicht, das auch im Internet zum Herunterladen bereitsteht.

Der Leiter der Stasiunterlagenbehörde (BstU), Roland Jahr, schreibt in seinem Vorwort: „In dem vorliegenden Band werden mit 40 Gegenständen aus dem Archiv die 40 Jahre der Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und damit auch ihres Ministeriums für Staatssicherheit illustriert. Offenkundig kann kein Gegenstand aus diesem Archiv repräsentativ für ein Jahr oder ein Ereignis oder gar die Herrschaftsmechanismen des Stasi stehen. Aber in der Betrachtung eines einzelnen archivischen Gegenstandes wird Jahr für Jahr deutlich, welche Schicksale sich dahinter verbergen und wie das Leben in der Diktatur ablief“. Der 1953 in Jena geborene Jahn war SED-Gegner. 1983 war der Journalist einer der Mitbegründer der oppositionellen Friedensgemeinschaft in seiner Geburtsstadt und wurde noch im gleichen Jahr zwangsausgebürgert.

Wie die Stasi Leben zerstörte und Zerstören belohnte

Man findet in dem neuen Buch viele Schicksale, unter anderem die Geschichte von Gerhard S., der 1952 von zwei Volkspolizisten in der Wohnung seiner Freundin festgenommen wurde. Grund: er habe versucht, das „Ansehen der Demokratischen Justiz und deren Organe in Misskredit zu bringen“. Der Artikel 6 der DDR-Verfassung wurde in unterschiedlichen Fällen zur Verfolgung politischer Gegner eingesetzt. Letztendlich musste der 23-jährige vier Jahre und elf Monate dafür büßen, dass er behauptete, es gehe in den Gefängnissen der DDR schlimmer zu als in der Nazizeit.

1967 kam der 24-jährige Shagdar T. aus Arwaicheer in der Mongolei zur Ausbildung an die Ostsee. Im Winter besuchte er dann mit deutschen Kommilitonen die Heiligendammer Gaststätte »Palette«. Am Nachbartisch saß eine Gruppe befreundeten Männer. Das zufällige Aufeinandertreffen eskalierte zu einer rassistischen Gewalttat mit dem Vorwurf, »du mongolisches Schwein studierst auf unsere Kosten« und zu einem blutigen Angriff. Nur ein Beispiel für die »tiefer liegenden rassistischen und fremdenfeindlichen Einstellungen“ in der ostdeutschen Gesellschaft. Eigentlich war der junge Mongole von seiner Regierung zum Studium in der DDR abkommandiert worden und bekam auch aus Ulaanbaatar finanzielle Unterstützung.

Das Buch erzählt auch von Privilegien der ergebenen Kollaborateure, der willigen Helfer des Regimes. Ein Auto zu kaufen war für DDR-Bürger alles andere als einfach. Da die Produktion im Land die Nachfrage nicht decken konnte, mussten Interessenten eine lange Wartezeit in Kauf nehmen – nicht aber die DDR-Nomenklatura, die gegen Loyalität in den Genuss vieler Privilegien kam. Auch die hauptamtlichen Mitarbeiter des Stasi profitierten von ihrer Nähe zum Herrschaftszentrum. Privilegien fingen bei der guten Entlohnung an. »Ich hab für einen DDR-Bürger unverhältnismäßig viel Geld verdient«, berichtet ein ehemalige Genosse in einem Interview. „Wir haben immer aus Spaß gesagt: 1000 kriegen wir fürs Schnauzehalten, den Rest haben wir verdient.« In Walter W.s Kaderakte rühmt die politische Geheimpolizei seine Hauptwesenszüge [...] »Beständigkeit, Gewissenhaftigkeit und Bescheidenheit« und vermerkt auch positiv, dass W.s »körperliche Haltung [...] immer aufrecht und seine Bekleidung sauber und ordentlich« sei. Dies hinderte W. allerdings nicht daran, die Bevorzugung gegenüber seinen nicht nur beim Autokauf benachteiligten Mitbürgern gern anzunehmen. (asie/tmich)

Symbolfoto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert



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