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Martynas Levickis in München: Ich weiß nichts schöneres als Menschen mit meiner Musik zu erfreuen

Martynas LevickisMartynas Levickisvon Sebastian Konopik

Martynas Levickis ist Litauens neue Musikstar. Der junge Musiker hat eben seine erste CD „Martynas“ in Deutschland veröffentlicht und war hier auf einer Werbetour. Sebastian Konopik hat in München für Das Baltikum-Blatt den sympathischen Jungstar getroffen und mit ihm über sein Leben gesprochen.

Sie haben im zarten Alter von drei Jahren ein Miniakkordeon geschenkt bekommen. War das Liebe auf den ersten Blick?
Ich denke schon. Meine ersten musikalischen Begegnungen sind aber mit Klavierspiel verbunden. Damals wollte ich unbedingt Pianist werden. Als ich drei war, hat mir mein Onkel ein Kinderakkordeon mitgebracht und ich habe gleich angefangen darauf zu spielen.

Einen Musiklehrer bekam ich jedoch erst, als ich acht Jahre alt war. Zuvor habe ich auf dem Instrument einfach so gespielt, ohne dass jemand mir konkret etwas beigebracht hätte. Mit acht ging ich dann in die Musikschule.

Was faszinierte Sie am Akkordeon? Sie hatten doch Ihr Herz an das Klavier verloren.
Es stimmt. Doch als ich das Akkordeon zum ersten Mal anfasste, hatte ich das Klavier sofort vergessen. In der Musikschule hasste ich sogar das Klavier. Nur wenn ich improvisieren konnte, setzte ich mich ans Piano. Ich mochte das Notenlesen nicht. Noch heute fällt mir das Lesen von Tonzeichen sehr schwer.

Mit acht haben Sie Ihre Geburtsstadt Tauragé verlassen und sind nach Šiauliai umgezogen. Einige Jahre später nahmen Sie schon an ersten Wettbewerben teil und gaben Konzerte. Ganz schön viel für ein Kind. Wie haben Sie das verkraftet?
Mir machte das Ganze sehr viel Spaß, da ich viel reisen konnte, unter anderem nach Italien, Frankreich oder Estland. Ich fand es schon immer ganz toll, verschiedene Länder zu erleben und verschiedene Sprachen zu hören. Immer hatte ich doch mein Akkordeon mit und konnte spielen.

Aber Sie hatten doch da keine freie Zeit mehr für ihre gleichaltrigen Freunde. Als andere Kinder eine „normale Kindheit“ hatten, mussten Sie doch über, üben, üben und danach noch Konzerte geben.
Weil ich mein Instrument liebte, lernte ich sehr früh Prioritäten zu setzen. Klar, meine Freunde fanden das blöd, dass ich mich ständig nur mit meinem Akkordeon beschäftigte statt mit ihnen zu spielen. Doch niemals bedeuteten die Musikübungen für mich Anspannung. Für mich war wichtig, Kompetenz zu erlangen - wertvolle Erkenntnisse dazu habe ich bei den Konzerten gesammelt.

Natürlich habe ich viele Dinge in meinem Leben auch vermisst. Als Kind musste ich auch in den Ferien zu meinem Lehrer. Dort habe ich jeden Tag geübt, weil wir erreichen wollten, gut auf die Musikaufführungen vorbereitet zu sein. Ab und zu vermisste ich das Fußballspiel mit meinen Freunden, zu dem ich leider nicht erscheinen konnte. Als Musiker hatte ich nicht viel andere Aktivitäten, aber ich wollte es auch nicht anderes haben.

Als erster Akkordeonist Ihres Landes wurden Ihre musikalische Leistungen mit dem hochgeschätzten litauischen Königin-Morta-Preis ausgezeichnet.
Ja. Normalerweise wird der Preis nicht an Akkordeon-Spieler verliehen. So war ich natürlich sehr stolz und glücklich als ich ihn bekam. !Martynas LevickisMartynas Levickis

Nach dem Schulabschluss in Litauen gingen Sie nach London. Konnten Sie schon damals Englisch?
Nein. Ich habe zwar ab 10. Lebensjahr in der Schule Englisch gelernt, aber erst in London habe ich angefangen Englisch zu sprechen. Die eine Sache ist es, eine Sprache zu lernen, die andere wiederum, sie zu benutzen. Deswegen war auch der Anfang in Großbritanniens größten Metropole schwierig, denn ich kam aus einer kleinen litauischen Stadt Šiauliai und war plötzlich in einer Millionenstadt auf mich allein gestellt, ohne Freunde. Ich hatte schon ganz fürchterliches Heimweh.

Als sie in London ankamen, bekamen Sie Hilfe, zum Beispiel von Exil-Litauern?
Nein, eigentlich nicht. Ich musste alle Bürokratien, die ein Umzug mit sich bringt, alleine bewältigen. Vor allem war die Wohnungssuche eine stressige Angelegenheit, denn ich musste mich in Englisch in einer fremden Stadt und einem fremden Land verständlich machen. Aber diese Erfahrungen waren auch sehr wertvoll für mich.

Großbritannien hat eine sehr spezifische Küche. Wie kamen Sie damit klar?
Ich habe bis heute meine Schwierigkeiten mit englischen Speisen (lacht). Ich bin viel zu viel ein Kontinental-Europäer, so genieße ich die deutsche Küche, egal ob in Berlin oder in München. Das ist kulinarisch gesehen mehr mein Stil. England ist eine Insel und deswegen sind die Engländer in vielen Dingen anders als die Menschen auf dem Festland.

Was haben Ihre Mitkommilitonen über Litauen gewusst?
Viele Menschen wissen nichts über Litauen, einige wissen nicht mal wo das Land liegt. So sind sie glücklich, wenn man sie informiert. Die Situation hat sich durch die Jahre verbessert, vor allem jetzt, wo Litauen die EU-Ratspräsidentschaft inne hat. Aktuell finden viele politische Aktivitäten der EU in Litauen statt und die Medien berichten darüber. Ich merke, dass auch das kulturelle Interesse an meiner Heimat deutlich gestiegen ist und auch Touristen haben das Land für sich entdeckt.

Sie haben sich vorgenommen, das Image des Akkordeons neu zu definieren und dem Publikum zeigen, wie vielseitig das Instrument sein kann. Haben Sie Ihr Ziel schon erreicht?
Ich habe mein Ziel noch nicht erreicht, denn dies ist ein langer Weg. Ich freue mich jedoch immer sehr, wenn die Konzertbesucher zu mir kommen und sagen, dass sie vorher nie solch ein Akkordeonspiel gehört hatten, wie bei meinem Auftritt. Man kann dieses Musikinstrument sehr vielseitig und facettenreich spielen, auch klassische Komponisten wie Johann Sebastian Bach und Co. Ich freue mich, wenn das Publikum dies dann auch mit Applaus honoriert, wenn das Akkordeon auf unkonventionelle Art gespielt wird.

Sie sollten eigentlich auf dem Münchener Oktoberfest spielen.... !
Warum nicht? (Lacht). Ich bin immer noch am Anfang meiner Karriere. Zur Zeit promote und präsentiere ich mein erstes Album in Deutschland und hoffe, dass auch die Deutschen es genau so gut aufnehmen wie die Engländer. Die CD zeigt, was man alles aus dem Akkordeon herausholen kann.

Wie nimmt man Akkordeonmusik in den baltischen Staaten auf? !
Das Akkordeon wird dort viel in die Popmusik integriert. So träume ich davon, auf meinem Instrument baltische Folklore weltweit bekannter zu machen, denn Volksmusik ist nämlich eine sehr interessante Vertonung. Nachdem ich Folklore mit dem Akkordeon gespielt habe, haben auch andere Musiker für sich die Volksmusik neu entdeckt.

Ist das Publikum in Estland, Lettland und Litauen verschieden?
Alle drei baltische Länder sind komplett unterschiedlich. Sogar Lettland und Litauen sind verschieden. Unsere Sprachen gehören zwar zur gleichen Sprachgruppe an, den baltischen Sprachen, aber wir kommunizieren unter uns in Russisch oder Englisch. Mein Russisch ist allerdings miserabel, so spreche ich Englisch. Ich habe zudem das Gefühl, dass die Esten ruhiger sind als Letten oder Litauer. Ich bin drei-vier Mal in Estland gewesen, und mir kommt es so vor, dass die Leute dort viel entspannter, viel langsamer sind.

Macht sich dies auch beim Applaus bemerkbar?
Ja. Aber das Publikum ist nichts desto trotz begeistert. In Litauen ist die Situation natürlich anderes. Dort kennen mich viele Menschen und so zeigen sie sich auf Konzerten offen ihre Begeisterung, sie applaudieren länger.

Ich denke, in Großbritannien ist das Publikum sehr schwer zu begeistern. Dies sind meine Erfahrungen. Das Akkordeon als Instrument ist nicht so populär aber es hat sich mit der Zeit positiv verändert. Im diesem Sommer waren auf der Insel mehrere große Musikfestivals, die auch im Fernsehen übertragen wurden und in den Medien ein großes Echo bekamen. Die Menschen fanden die Musik spannend, obwohl sie die klassischen Stücke auf dem Akkordeon befremden. Dennoch führte ich in Großbritanniens Klassik-Charts mit meiner CD an. Ich habe mich darüber gefreut, denn der Erfolg gibt mir Kraft weiter zu arbeiten.

Seit einigen Jahren ist ein neuer Trend entstanden: Viele klassische Werke werden mit anderen Musikrichtungen gemischt. Ist dies eine Garantie dafür, dass junge Menschen wieder Konzerte besuchen?
Das ist überhaupt keine Garantie. Das 21. Jahrhundert ist für die Musik ein schwieriges Zeitalter, denn es gibt viele Wahlmöglichkeiten. So viele Chancen gab es noch vor 100 Jahren nicht. Neben Konzertsälen können Musikveranstaltungen in Klubs, Fernsehen oder auf YouTube erlebt werden.

Viele Menschen bevorzugen es Konzerte auf dem Sofa zu Hause zu verfolgen, z.B. haben sich tausende den Auftritt von David Garrett auf YouTube angeschaut. Somit ist es sehr schwer, Menschen zu mobilisieren in ein Konzert zu gehen. Doch ist es sehr wichtig jungen Menschen Musikaufführungen zu vermitteln, denn in Großbritannien und Deutschland sind in den Konzertsälen tatsächlich hauptsächlich ältere Menschen zu beobachten.

Ist da ein Unterschied, ob die Menschen im Fernsehen oder live im Saal Konzerte erleben?
Ich weiß es nicht. Ich denke, es ist billiger ein Konzert im Fernsehen oder am Computer zu verfolgen, aber nichts kann die Emotionen eines live Musik kompensieren. Das ist sicher!

Können Sie sich vorstellen mit Ihrem Popularität als (Musik)-Botschafter ihres Landes aktiv zu werden, Menschen in anderen Ländern für Litauen zu begeistern?
In der Tat bin ich schon Tourismusbotschafter von Litauen und versuche die Menschen zu begeistern, mein Heimatland zu besuchen. Zudem lade ich die Menschen mit meiner Musik nach Litauen ein.

Zum Beispiel war vor Kurzem in Großbritannien ein kleines Festival und ich spielte dort litauische Volkslieder. In einer kleinen Kirche waren etwa hundert Besucher, die nach dem Veranstaltung über litauische Klangwelt sprachen, obwohl auch zum Beispiel Béla Bartók auf dem Programm stand. Danach haben viele ältere Menschen Litauen auch besucht. Jetzt hoffe ich, dass ich auch Jüngere dazu bewegen kann. Die Hauptstadt Vilnius ist eine schnell wachsende Metropole, ein Kultur-, Wirtschafts- und Finanzzentrum des Landes.

Wenn Sie nach Konzerttourneen im Ausland wieder in die Heimat gehen, was machen Sie dort am Liebsten? !
Wenn ich zurück nach Litauen komme, habe ich immer viele Konzerte zu absolvieren. Man kann hier sogar von kleinen Konzerttourneen reden. Das freut mich aber, denn ich weiß nichts schöneres als in meiner Heimat meine Landsleute mit meiner Musik zu erfreuen.

Sie sind mit David Garrett aufgetreten. Wie haben Sie ihn erlebt?
David Garrett ist ein großartige Musiker. Ich kam in diesem Jahr mit ihm in London zusammen und habe die Zusammenarbeit mit ihm sehr genossen. Noch mehr freute ich mich, als ich in die Show von Garrett eingeladen wurde und zwei Stücke mit ihm spielen dürfte. Ich liebe das Experimentieren und ich hoffe, dass ich auch in der Zukunft dazu Gelegenheit bekomme.

Das Interview führte Sebastian Konopik
Mitarbeit Aino Siebert

Fotos: © Sebastian Konopik

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