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Katholische Kirche erneut von Missbrauchsfällen betroffen

Domspatzen im Dom St. Peter 2011Domspatzen im Dom St. Peter 2011Wieder gehen Nachrichten über Fälle von Gewalt und Missbrauch aus Einrichtungen der katholischen Kirche durch die Medien. Diesmal traf es den weltbekannten Knabenchor „Regensburger Domspatzen“, in deren Internat die Kinder unter einer Atmosphäre täglicher Gewalt gelitten haben. Das Schlimme daran: alle Fälle sind verjährt, weshalb die Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können.

Presseberichten zufolge waren 547 ehemalige Chormitglieder von körperlicher Gewalt, Repressalien und sexuellem Missbrauch betroffen. Ihre Erlebnisse verglichen die Opfer mit Zuständen in Gefängnissen, Konzentrationslagern und der Hölle.

Erst vor sieben Jahren gingen die ersten ehemaligen, damals minderjährigen Domspatzen mit ihrem Leid an die Öffentlichkeit, doch erst vor zwei Jahren entschloss sich das Bistum in Bayern zu einer genaueren Aufarbeitung und beauftragte einen Rechtsanwalt mit der Aufklärung der Fälle. Nun liegt der 450-seitige Abschlussbericht vor, der die Zahl der „hochplausiblen Fälle“ seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit 547 bezifferte. Unter körperlicher Gewalt hatten dem Bericht zufolge 500 Sängerknaben gelitten, 67 waren sexuellen Übergriffen ausgesetzt. 20 Kinder traf es demnach am schlimmsten, denn sie waren Ziel beider Gewaltarten. Der beauftragte Anwalt geht aber von einer Dunkelziffer aus, die die Zahl der Betroffenen auf 700 erhöhen könnte.

Peitsche, Teppichklopfer, 49 Täter und keine Strafe

Die Täter wurden von katholischen Geistlichen systematisch gedeckt, die Opfer ignoriert. Der Anwalt listete „Internatsdirektoren, einen Vorschuldirektor, Präfekte und viele Angestellte“ als Täter auf, die allesamt nicht mehr juristisch zur Rechenschaft gezogen werden können, denn alle Fälle sind verjährt. Neun von ihnen seien für die sexuellen Übergriffe verantwortlich. Ein Pater soll stets eine Peitsche und einen Teppichklopfer mitgebracht haben. Die Masse der Gewaltdelikte wurde in den sechziger und siebziger Jahren begangen. Fälle körperlicher Gewalt wurden bis 1992 festgestellt.

Der Anwalt belastete zudem den früheren Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der als eindeutig Verantwortlicher die Aufarbeitung der Fälle behindert habe. Ein Zusammenhang mit dessen kürzlich erfolgter Abberufung als Präfekt der Glaubenskongregation bestehe indes nicht, denn der Vatikan hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Kenntnis von dem Bericht. Müller behauptet zudem, die von Priestern verübten Straftaten seien von den Medien aufgebauscht worden.

Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Domkapellmeister Georg Ratzinger, hatte dem Bericht zufolge „kein Wissen über sexuelle Gewalt“ gehabt, wohl aber von den anderen Gewalttaten, von denen er indes weggeschaut habe. Darüber hinaus erklärte der Monsignore 2010 in der Zeitung Passauer Neue Presse, dass er selbst die Jungen hart bestraft hatte. Unter anderem soll er den Kindern Ohrfeigen verpasst und sich danach unwohl gefühlt haben. Ratzinger hatte dreißig Jahre lang, von 1964 bis 1994 und somit in der Zeit der Hochsaison der Missbrauchsvorfälle, den Chor geleitet.

Der Komponist und Regisseur Franz Wittenbrink, ein ehemaliger Schüler des von der katholischen Kirche betriebenen Musikinternats in Etterzhausen (einer Vorschule für Kinder, aus der sich die Domspatzen rekrutierten), erzählte damals in der Öffentlichkeit, dass dort Ende der fünfziger Jahre der Direktor M. harte Bestrafungen vorgenommen habe. Der Priester habe auch in seinen Privaträumen ein „Nacktprügeln“ betrieben, bei dem sich die acht- bis neunjährigen Kinder entkleiden mussten und Schläge mit der Hand bekamen. In einigen Fällen, so das Opfer, sei es zu Penetrationen gekommen. Wittenbrink nannte die Bestrafungsmethode ein „ausgeklügeltes System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust“. Auch Internatsdirektor Z. habe sich „abends im Schlafsaal zwei, drei von uns Jungs ausgesucht, die er in seine Wohnung mitnahm“. Dort habe es Rotwein gegeben, und der Priester habe mit den Minderjährigen masturbiert. „Jeder wusste es“, berichtete Wittenbrink, ein Neffe des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, vor sieben Jahren den Medien. In seinem Jahrgang habe ein Mitschüler kurz vor dem Abitur Selbstmord begangen.

Den Missbrauch hat Wittenbrink auch im Theaterstück „Schlafe, mein Prinzchen“ thematisiert, das nach langem Hin und Her auch in Regensburg aufgeführt wurde. Hier können Sie ein Interview mit Wittenbrink in der Hannoverschen Allgemeinen lesen.

„Schweigen nicht mehr möglich“

Zwischen fünf- und zwanzigtausend Euro pro Person hat das Bistum Regensburg den Opfern als sogenannte Anerkennungsleistungen zugesagt. Eingegangen sind bislang nur etwa 300 Anträge, ausgezahlt wurden daraufhin insgesamt 450.000 Euro. Der Anwalt hofft, „dass die Arbeit der Berichtsautoren zur Befriedung auf Seiten der Opfer beitrage“. Er bezeichnete seine Arbeit, nicht aber die Aufarbeitung der Fälle, als abgeschlossen. „Schweigen ist jetzt nicht mehr möglich“. Vor kurzem haben sich drei weitere Opfer an den Anwalt gewandt. Demzufolge gehen die Untersuchungen zu dem Fall „Regensburger Domspatzen“ weiter. (tmich)

Info:

Die Regensburger Domspatzen sind der aus Knaben und jungen Männern bestehende Domchor des Regensburger Domes in Bayern. Sie können auf eine über tausendjährige Geschichte zurückblicken und sind damit einer der ältesten Knabenchöre der Welt. 2002 wurde ihnen von der Europäischen Föderation der Chöre der Titel „Kulturelle Botschafter von Europa“ verliehen. Außerdem sind die Domspatzen UNICEF-Botschafter. (Quelle: Wikipedia)

Foto: © Michael Vogl Wikipedia