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CSD-Parade in Stuttgart: „Operation Sichtbarkeit“ stellte politische Forderungen

CSD Parade Stuttgart 2016Von Thomas Michael, Stuttgart

„Der CSD (Christopher Street Day) ist nicht nur ein Kampftag, sondern auch ein Feiertag“, sagte der Schirmherr der Veranstaltung, Gregor Gysi (Partei Die Linke) sinngemäß.

Lautstark, farbenfroh, mit Luftballons, Fahnen und Transparenten geschmückt und unter dem großen Getöse lauter Musik aus Pkw-Anhängern und Lastwagen sowie an der Kolonnenspitze Motorradhupen, zog die diesjährige Christopher Street Day-Parade mit etwa 4500 Teilnehmenden – so viele wie nie zuvor – in Stuttgart vom Erwin Schöttle-Platz über den Marienplatz und die Tübinger, Eberhard- und Marktstraße zum Karlsplatz, wo die einzelnen Gruppen sich auf verschiedene Plätze verteilten.

Reichliche Polizeipräsenz, darunter verdeckte Beamte und zahlreiche Ordnerposten des Veranstalters, sorgten in einer Zeit allerorten drohenden Terrors für die nötige Sicherheit, obwohl es in der baden-württembergischen Landeshauptstadt keine konkrete Bedrohung gab. Es kam auch zu keinen Zwischenfällen, wenngleich es an einigen Stellen – wegen der Hitze insbesondere auf der Schattenseite – zu bedrohlichem Gedränge kam.

In großem Stil waren Fahrzeuge kleinerer Unternehmen in der Kolonne, dazu solche mit den Logos großer Firmen sowie Parteien, Vereinen, Gewerkschaften und Kirchen, aber auch vermehrt Fußgängergruppen. Entlang der Route verfolgten knapp 200.000 (die Polizei sprach von 170.000) Zuschauer den Zug, an dem insgesamt 81 Formationen teilnahmen – eine Bimmelbahn, drei Krafträdergruppen, sechzehn PKW, zwanzig zumeist kleinere Last- oder Lieferwagen und 41 Fußgängergruppen.Stuttgart CSD Parade 2016

Auf der abschließenden Kundgebung auf dem Schlossplatz wurde von diversen Rednern – vom Schirmherren Gregor Gysi wurde aus Termingründen nur eine kurze Toneinspielung wiedergegeben – das schleppende Vorankommen der endgültigen Lösung der verbliebenen gesetzlichen Probleme für die Gleichstellung der LSBTTIQ (Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und queeren Menschen) beklagt, wenngleich andererseits das bereits Erreichte gelobt wurde. Homo- und bisexuelle Männer seien zudem vom Blutspenden ausgeschlossen, weil der Gesetzgeber angeblich erhöhte HIV-Ansteckungsgefahr sieht. Entschieden müsse gegen den zunehmenden Rechtsruck angekämpft werden, wobei insbesondere die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) angeprangert wurde. Die überwältigende Teilnahme an der Parade sei ein starkes Signal an die Politik, so Linken-Stadtrat Christoph Ozasek. „Wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden, müssen wir einschreiten“.Stuttgart CSD Parade 2016

Auch kam erneut zur Sprache, dass einige nach dem inzwischen entkräfteten §175 des deutschen Strafgesetzbuches (StGB) Verurteilte trotz ihres hohen Alters immer noch nicht rehabilitiert seien; die Forderung des CSD-Vereines lautet, alle seit 1945 Verurteilten zu rehabilitieren und zu entschädigen. Der berüchtigte Paragraph existierte vom 1. Januar 1872 (Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches) bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechtes unter Strafe, das heißt: Geschlechtsverkehr unter Männern wurde kriminalisiert.

Besonderen Beifall erhielt der Vertreter der türkischen Gemeinde, die erstmals an einem CSD teilgenommen hatte und damit ein Zeichen setzen will, dass auch in der hiesigen nichtchristlichen Gemeinschaft die LSBTTIQ-Menschen ein Existenzrecht unter rechtlich gleichen Bedingungen bekommen sollen. Er verurteilte die in der Welt noch verbreitete Verfolgung Schwuler und Lesben und nannte dabei exemplarisch Russland. Er beklagte zudem die fortdauernde Benachteiligung insbesondere im Arbeitsrecht sowie im Bildungs- und Schulsystem.

Am Kundgebungsort Schlossplatz (der Bühnen-LKW stand in der Buswendeschleife), insbesondere auf der Straße Planie, herrschte schon vor der Kundgebung bei zunehmender Schwüle dichtes Gedränge, sodass von der Bühne der Appell kam, die Wiesen zu schonen und auf die Straße zurückzukehren. Am Abend schloss sich dann noch die CSD-Hocketse auf dem Schiller- und Marktplatz an, die am Sonntag fortgesetzt wurde.

Fotos: © Thomas Michael



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