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www.baltikum-blatt.eu
17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Estland entschädigt Kirchen für Verluste während der Okkupationen

Die Domkirche in TallinnDie Domkirche in TallinnDie estnische Regierung hat den Rechtsstreit mit den Kirchen beendet und ist bereit, Entschädigungsleistungen von umgerechnet 8,2 Millionen Euro an die Kirchen für Verluste während der Okkupationen zu zahlen.

Die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) bekommt 6,8 Millionen Euro und die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche, kurz EAÕK (Patriarchat Konstantinopel) 1,4 Millionen Euro. Zugleich seien der Staat und die Kirchen übereingekommen, dass Letztere künftig auf jede gerichtliche Auseinandersetzung bezüglich während der sowjetischen und deutschen Besatzungen verlorenen Eigentums verzichten, erklärte Minister für öffentliche Verwaltung Jaak Aab (linksorientierte Zentrumspartei) bei einer Pressekonferenz in Tallinn.

Mit den zwei Millionen Euro will die lutherische Kirche die Domkirche (Toomkirik) in Tallinn auf dem Domberg (Toompea) sanieren. 1,2 Millionen Euro werden in den Bau der Sakralgebäude im Tallinner Stadtteil Mustamäe investiert. Der Rest des Entschädigungsgeldes, 3,6 Millionen Euro, wird für die Zukunftsarbeit aufbewahrt.

Der Erzbischof der EELK Urmas Viilma erklärte, die Kirche freue sich darüber, dass der estnischer Staat sein Gewissen nicht verloren habe. „Die EELK ist dankbar für den Beschluss. Nun können alle Beteiligten des Rechtsstreites das bevorstehende 100. Jubiläum der Republik Estland versöhnt und mit freudigen Herzen feiern.“

Die orthodoxe Kirche beabsichtigt, ihr Frauenkloster, das zuvor im Dorf Ööriku (Gemeinde Saare) untergebracht war und sich seit 2012 im Dorf Reo (Gemeinde Pihtla) auf der Insel Saaremaa im früheren Pfarrhaus befindet - baulich zu erweitern sowie ein Mönchskloster im Dorf Beresje in der Gemeinde Mikitamäe im Südosten Estlands (Setomaa, Landkreis Võru) zu gründen.

Unterdessen kritisierte der Abgeordnete Helmar Lenk (Zentrumspartei), dass die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchates nicht ebenso entschädigt werden solle, denn unter den Kriegsfolgen hätten Alle gelitten.

Warum sich gerade Estland für all die Entschädigungen zuständig fühlt, bleibt unklar. Estland wurde 1940 zuerst von der Sowjetunion, danach von Nazi-Deutschland und dann nochmals von der Sowjetunion annektiert. Als Grundlage dazu dienten die geheimen Protokolle des Hitler-Stalin Paktes, der am 23. August 1939 in Moskau unterschrieben worden war. Estland hat den Zweiten Weltkrieg weder provoziert noch begonnen. Die sowjetische Okkupation dauerte bis 1991, dann konnte Estland seine Souveränität wiedererlangen.

Staatliche Kirche

Wie in allen demokratischen Ländern, sind auch in Estland Staat und Kirche getrennt. Die juristische Auseinandersetzung über die Nikolai-Kirche (Niguliste kirik) in Tallinn hat schon im Jahr 2001 begonnen und beschäftige auch die Gerichte. Die EELK war der Meinung, dass, wenn der Staat die Kirche der Glaubensgemeinschaft nicht zurückgeben wolle, er 37 Millionen Euro als Abfindung zahlen solle. Die Forderungen haben auch die Kunstschätze der Kirche beinhaltet. Das Kultusministerium war jedoch bereit, nur eine halbe Million zu zahlen. Laut einer Expertise waren durch Bombardierungen und ein Feuer im Jahr 1982 vom Originalgebäude nur 35 Prozent erhalten geblieben. Daraufhin war die EELK bereit, die Kirche dem Staat zu überlassen und sich über eine Kompensation zu einigen.

Die Nikolaikirche ist eines der Wahrzeichen der estnischen Hauptstadt. Sie liegt am Fuße des Domberges. Sie wurde zwischen 1230 und 1275 von westfälischen Kaufleuten gegründet, die von der Insel Gotland nach Tallinn gezogen waren. Sie ist die einzige Tallinner Kirche, die während der protestantischen Reformation in der Stadt 1523/24 vom Bildersturm verschont blieb.

Nicht verschont blieb dagegen das alte Gotteshaus während des Zweiten Weltkrieges: Dem verheerenden Luftangriff der sowjetischen Roten Armee auf Tallinn am 9. März 1944 und dem anschließenden Brand fielen ein Großteil des Kircheninneren zum Opfer. Die meisten Kunstschätze konnten allerdings rechtzeitig evakuiert werden. Die Kirche wurde zwischen 1953 und 1984 wieder aufgebaut. Heute ist die Nikolaikirche Teil des estnischen Kunstmuseums. In ihr sind die wichtigsten sakralen Schätze ausgestellt. Sie dient außerdem als Konzertsaal mit einer beeindruckenden Akustik. Konzertorganist ist dort seit 1981 Andres Uibo.

Die EAÕK wird mit über 423.000 Euro für den Verlust des Klosters Petseri entschädigt. Heutige Petschory ist eine Stadt im nordwestrussischen Oblast Pskow. Die Abtei liegt auf dem Territorium, das während des Frieden von Tartu (Dorpat) 1920 Estland zugesprochen worden war. Nach der Annexion Estlands durch die Sowjetunion wurde auch Petseri am 21. Juli 1940 Teil der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die am 6. August gewaltsam der Sowjetunion angeschlossen wurde. Während des Zweiten Weltkrieges besetzte die deutsche Armee das Gebiet von August 1941 bis zum 11. August 1944. Unmittelbar danach besetzte die Sowjetunion Estland wieder, schloss jedoch Petseri und sein Umland als Teil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik dem Oblast Pskow (Estnisch: Pihkva) an.

Am 18. Mai 2005 haben Estland und Russland ein Grenzabkommen unterschrieben, das die sowjetische Grenzziehung bestätigte und das Gebiet Russland überließ. Wenige Wochen danach trat Russland jedoch vom Vertrag zurück, sodass nach Lesart einiger estnischer Politiker der Vertrag von Tartu nach wie vor in Kraft und Petschory (Petseri) de jure ein Teil Estlands ist. Tallinn betonte jedoch, dass Estland das Gebiet nicht zurückfordern wird. Der Grenzvertrag ist bis heute nicht ratifiziert worden. (asie / tmich)

Foto: © Das Baltikum-Blatt / AWSiebert


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