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17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Aufstand der Anständigen: Miteinander statt gegeneinander

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Gegendemonstration in Kandel Gegendemonstration in Kandel Kandel im Bundesland Rheinland-Pfalz ist ein Ort, den Touristen normalerweise nicht besuchen. Wenn man aber in dem sympathischen Städtchen unweit von Karlsruhe und der Grenze zu Frankreich weilt, bleibt die Gastfreundlichkeit und Offenheit der Pfälzer nicht unbemerkt. Schwer zu glauben, dass hier ein Asylbewerber aus Afghanistan, am 27. Dezember 2017 ein 15-jähriges Schulmädchen namens Mia getötet hatte. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte es sich um einen Mord, weil der eigenen Worten zufolge gleichaltrige Junge seine Mordwaffe kurz vor der Bluttat gekauft hatte.

In einem Interview der „Bild-Zeitung“ erzählen Mias Eltern, dass sie Abdul wie einen eigenen Sohn behandelt haben. Als ihre Tochter die Beziehung beendete, wurde der Afghane eifersüchtig. Das spätere Opfer hatte ihren Ex-Freund noch vor ihrer Ermordung angezeigt, weil er ihr gedroht haben soll. Nach der heimtückischen Bluttat hat der Vater das Alter des mutmaßlichen Mörders in Frage gestellt, seiner Meinung nach ist er deutlich älter als 15. Das Alter des Angeklagten spielt im Gericht bei der Strafmaßverkündung eine entscheidende Rolle, da Minderjährige und Jugendliche milder bestraft werden als Erwachsene.Demonstation der Rechten gegen Gewalt durch AsylbewerberDemonstation der Rechten gegen Gewalt durch Asylbewerber

Versammlung der Rechtsgerichteten

Nach der Flüchtlingskrise 2015 und dem Einzug der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag ein Jahr später versuchen die Rechtspopulisten und Ultrarechten, aus negativen Schlagzeilen politisches Kapital zu schlagen. Dabei verleiten sie die Menschen mit Halbwahrheiten und falschen Behauptungen. Auch Mias Ermordung nutzen sie in ihrem Sinne unverfroren aus.

Am 28. Januar versammelten sich die Rechten mit ihren Unterstützern aus ganz Deutschland in Kandel, um angeblich gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder durch Asylbewerber zu demonstrieren. Ein Trauermarsch für die ermordete Schülerin hatte schon am 2. Januar stattgefunden.

Aktuell versammelten sich die Protestler am Tatort und liefen von dort aus gemeinsam in die Stadtmitte. Sie riefen dabei Parolen wie „Lüge, Hetze und Betrug. Bürger haben jetzt genug!”, „Sicherheit für Frau und Land, dafür gehen wir Hand in Hand!”, „Merkel muss weg!“, „Widerstand!“ und – wie immer – „Lügenpresse!“.

Die Demonstration hatte das „Frauenbündnis Kandel“ organisiert, über das im Internet keine Informationen zu finden sind. Werbung für den Protestmarsch hatte auch die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld betrieben, die CDU-Mitglied war und jetzt mit der AfD kuschelt.

Unter den ansonsten anonymen Rednern befand sich der libanesisch-deutsche Filmregisseur Imad Karim, der den Gegendemonstranten vorwarf, Jeden zu diffamieren, der ihre Meinung nicht teile. Der 59-Jährige ist einer der meistumstrittenen Islam-Kritiker, dem Nähe zur AfD und zum beurlaubten Gymnasiallehrer Björn Höcke vorgeworfen wird. Er selbst bestreitet dies. Doch es wird schnell klar, dass Karim undifferenziert betrachtet, sich von seinen Bauchgefühlen, weniger von Fakten, leiten lässt. Ende Juli 2017 sendete das öffentlich-rechtliche Fernsehen ARD eine Reportage „Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News“ von Claus Hanischdörfer, in dem unter Anderem eine Facebook-Nachricht Karims als Beispiel für die Verbreitung falscher Nachrichten angeführt wird.

Stefan Bernhard, parteiloser Abgeordnete des Europaparlamentes Stefan Bernhard, parteiloser Abgeordnete des Europaparlamentes

Aufstand der Anständigen

Die Rechtsgesonnenen wurden in Kandel laut von Gegendemonstranten begrüßt. Die Organisatoren aus dem Verband „Aufstehen gegen Rassismus“, unter ihnen der parteilose Abgeordnete des Europaparlamentes Stefan Bernhard, betonten, dass jeden Tag auch in deutschen Familien Frauen und Kinder misshandelt werden, doch für diese Opfer gehe niemand auf die Straße.

Die Demonstrierenden warben „für Menschlichkeit“ und forderten die Bürger auf „gegen Rassismus aufzustehen“. Zwischen den zwei Lagern hatte die Polizei eine Barrikade aus Behördenfahrzeugen und Beamten errichtet, um mögliche Zusammenstöße zu verhindern. Polizeibekannte Hooligans mussten die Stadt in Begleitung von Ordnungshütern verlassen.

Doch Mia kann nach dem Trauermarsch nicht im Frieden ruhen. Die Menschen mit rechtem Gedankengut haben schon angekündigt, eine neue Demonstration gegen die Asylsuchenden organisieren zu wollen. Am Straßenrand stand eine ältere Frau und schaute sich die Geschehnisse in ihrer Stadt an. Die Kandlerin erzählte, wie sie vor einigen Jahren ausgeraubt worden war. Der Täter, ein aus Kandel stammender Deutscher, musste für drei Jahre hinter Gitter. Dann fragte sie im Hinblick auf die brüllende Menschenmenge: „Woher kommt der ganze Hass?“

Wenn jemand eine Angehörige durch Mord verliert, ist dies emotional kaum zu ertragen. Wenn aber das Mordopfer noch für politische Zwecke instrumentalisiert wird, kann die Familie gar keine Ruhe finden.

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