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17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Trotz Frustrierter: Zahl der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion gestiegen

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 Russlanddeutsche in Deutschland kaufen hauptsächlich in russischen Geschäften einRusslanddeutsche in Deutschland kaufen hauptsächlich in russischen Geschäften einVon Aino Siebert

Seit 1990 sind etwa 2,5 Millionen Deutschstämmige und deren Angehörige aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik übersiedelt. Sie möchten hier eine neue Existenz aufbauen und hoffen auf eine bessere Zukunftsperspektive.

Das Magazin „Der Spiegel“ berichtet, dass die Zahl der nach Deutschland eingereisten Spätaussiedler, die sogenannten Russlanddeutschen, sich im fünften Jahr in Folge erhöht habe. Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden über siebentausend Übersiedler im Aufnahmelager im niedersächsischen Friedland aufgenommen. Dies seien etwa 500 mehr als im Jahr 2016, sagte der Leiter der Einrichtung, Heinrich Hörnschemeyer, dem „Spiegel“. Es handele sich in der Regel um jüngere Familien, die bereits Angehörige in Deutschland haben. Werden sie hier ihr Glück finden, oder werden sie nach einiger Zeit enttäuscht wieder nach Russland zurückziehen?

Rückkehrer nach Russland

Hunderte Russlanddeutsche sind nach vielen Jahren in Deutschland nach Russland zurückgekehrt. Sie gaben an, sich vor muslimischen Flüchtlingen und dem Verlust christlicher Werte zu fürchten.

Der Frust der Rückkehrer kommt jedoch mehrfach aus der Unfähigkeit des Loslassens von der sowjetischen Lebensauffassung. In der Sowjetunion war Sexualität allgemein tabuisiert, Homosexualität wurde kriminalisiert. In der 1970er Jahren kamen sogenannte „Ratgeber“ über die Geschlechtlichkeit auf den Markt, deren Ziel es war, Selbstbefriedigung, Schwule (Lesben gab es nicht) und außereheliche Beziehungen zu verteufeln. Hauptgrund für Homosexualität, so der sowjet-estnische Psychiater Heiti Kadastik, war die Missachtung der sozialistischen Ideale.

Gegen „Schwulsein“ hatte Dr. Kadastik empfohlen, fleißig an den gesellschaftlichen Angeboten der Kommunistischen Partei (KP) teilzunehmen. Dementsprechend wundern sich die Russlanddeutschen hierzulande, dass im Sexualunterricht in den Schulen das Schwul- oder Lesbischsein sowie individuelle Sexualität als normal deklariert werden.

In der Sowjetunion bzw. in Russland gab es zudem keine echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. In Russland, auch in vielen deutschstämmigen Familien, bestimmt noch heute der Vater als das Familienoberhaupt Alles, sogar dann, wenn er ein Alkoholiker ist.

In Deutschland kann eine Frau die Polizei rufen, wenn ihr Mann (betrunken) randaliert oder die Gattin oder die Kinder grün-blau schlägt. In dem kleinem Ort nahe Karlsruhe war ein Mann im einem Flüchtlingscontainer anzutreffen, weil er wegen seiner ständigen Alkoholexzesse gerichtlich zum Verlassen der ehelichen Wohnung gezwungen worden war. Danach verstand er die Welt nicht mehr.

In Russland hat das Prügeln als Erziehungsmaßnahme jedoch eine lange Tradition. Vor einiger Zeit wurde sogar häusliche Gewalt per Gesetzesänderung zur Bagatelle erklärt. Wenn ein Mann in seinen vier Wänden seine Familienmitglieder schlägt oder seine Ehefrau vergewaltigt, muss er nur mit einem Bußgeld rechnen, obwohl dem russischen Innenministerium zufolge in drei von vier Fällen Frauen die Opfer und in mehr als 90 Prozent aller Fälle Ehemänner die Täter sind.

Die Gleichstellung der Frau gehört bekanntlich nicht zu christlichen Werten. Obwohl Gleichberechtigung in Nationalitätenstaat gesetzlich geregelt war, standen im Alltag die Familienmitglieder de facto unter der Regie des Mannes.

Sowjetische Ideale beherrschen den Alltag

 In einem Scheidungsprozess vor einem Familiengericht in Deutschland, wo das Schicksal des gemeinsamen Kindes verhandelt wurde, wollte der deutschstämmige Vater sich gegen seine russische Ex-Frau durchsetzen. Er hatte das alleinige Sorgerecht für seine Tochter beantragt, denn eine gehorsame Ehefrau verlässt doch die Familie nicht. Zum Ehe-Aus trug allerdings die Tatsache bei, dass er Alkoholiker war. Durch seinen starken Alkoholkonsum war es zudem zu Nierenversagen gekommen, und er musste nun wöchentlich zur Blutwäsche. Trotz Dialyse kann dem Vater langfristig nur mit einer Nierentransplantation geholfen werden. Diese Tatsache machte den Mann keinesfalls nachdenklich, er hielt krampfhaft vor dem deutschen Gericht an seinen sozialistischen (christlichen) Ansprüchen fest.

Der Mann mit deutschen Wurzeln, der in den 1990er Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen war, hatte die deutsche Mentalität mit ihren Werten und Gesetzen nicht angenommen.

Entgegen mahnender Worte des Richters und des Jugendamtes, denen zufolge die Elfjährige stabile Verhältnisse bei beiden Eltern brauche, war der Vater nicht einsichtig. Der Papa wünschte seiner Tochter trotz deren schlechter Noten nach der Grundschule Gymnasialunterricht. Die Kleine musste auch mit weiteren ehrgeizigen Wünschen, unter anderem Klavier-, Tanz- und Sportunterricht – also Alles, was von einem Sowjetkind ohne Wenn und Aber verlangt worden war – psychisch verkraften. Dabei war das Kind durch die Alkoholexzesse des Vaters, von Familienstreitigkeiten und einer übermüdeten Mutter sowie durch eigene Überforderung psychisch instabil geworden. Das Jungendamt und die Psychologin schlugen vor Gericht Alarm, denn das Kind hatte für Freunde oder Spielen keine Zeit mehr. Und die Eltern konnten ihr keine Liebe oder Zuneigung geben, sie konfrontierten das Kind nur mit ihren Forderungen. Es hatte im Sinne der Erziehungsberechtigten zu funktionieren.

Obwohl die Mutter deutlich mehr zugänglich für die Ratschläge des Jugendamtes und Psychologin war, waren beide Elternteile Opfer ihrer sowjetischen Erziehung. Doch sie begriffen dies gar nicht. Der Vater brachte es im Gericht so zum Punkt: „Ich habe das in der Sowjetunion geschafft, meine Tochter wird das auch schaffen! Sie muss!“ Gemeint war eine Erziehung nach Vorbild der Sowjetunion, also der Wechsel ins Gymnasium trotz schlechter Noten, dazu in der Freizeit Musik-, Tanz- und Sportunterricht. Was das Kind wollte oder verkraftete, war für den Macho-Vater nicht relevant.

Hier prallten zwei Welten aufeinander, eine russische und eine deutsche. Im Gegensatz zu Russland gelten in Deutschland auch Kinderrechte. Sie haben nicht nur das Recht, zur Schule zu gehen, sondern auch das Recht zum Spielen und in einer stabilen Umgebung aufzuwachsen. Sehr oft wird in Deutschland über Erziehung in muslimischen Familien berichtet, fast nie über die Familien der Russlanddeutschen, obwohl sie aus ihrer sowjetischen bzw. russischen Heimat die dortige autoritäre Beziehungs- und Erziehungsmentalität nach Deutschland importieren.

Russisches Fernsehen für Wertevermittlung

Russlanddeutsche schauen in Deutschland, auch wenn sie gut Deutsch sprechen, fast nur russisches Staatsfernsehen, wo die sogenannten „christlichen Werte“ lautstark auch heute noch verteidigt werden. Obwohl die sozialistische Idee die Religion verdammte, hat Russlands Dauerpräsident, der ehemalige Kommunist und Geheimpolizist Wladimir Putin, die Kirche wieder salonfähig gemacht. Mit Hilfe der Kleriker konnte er seine Macht zementieren.

Menschen in Russland haben viele Alltagsprobleme zu bewältigen, das Leben ist deutlich beschwerlicher als in Deutschland. Das Land ist seit dem Zerfall des kommunistischen Riesenreiches innerlich zerrissen, die durchschnittlichen Einkünfte sind gering, die Arbeitsbedingungen und das Gesundheitssystem sind schlecht. Menschen sind auf ihre Alltagsprobleme wie hohen Alkoholkonsum, Kriminalität, wuchernde Korruption, häusliche Gewalt u.a. fixiert und wollen mit Politik nichts zu tun haben. Trost gegen Alltagsprobleme und zynische Gewaltpolitik des Kreml finden sie nun in der Kirche. Sozialistische Ideale wurden unter Putin einfach durch christliche Moral ausgetauscht. Da, wo früher die KP predigte, predigt heute das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I.

Symbolfoto: © Jan E. Siebert

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