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17. Feb 2018
07. Woche
5. Jahrgang

Trotz Frustrierter: Zahl der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion gestiegen

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Sowjetische Ideale beherrschen den Alltag

 In einem Scheidungsprozess vor einem Familiengericht in Deutschland, wo das Schicksal des gemeinsamen Kindes verhandelt wurde, wollte der deutschstämmige Vater sich gegen seine russische Ex-Frau durchsetzen. Er hatte das alleinige Sorgerecht für seine Tochter beantragt, denn eine gehorsame Ehefrau verlässt doch die Familie nicht. Zum Ehe-Aus trug allerdings die Tatsache bei, dass er Alkoholiker war. Durch seinen starken Alkoholkonsum war es zudem zu Nierenversagen gekommen, und er musste nun wöchentlich zur Blutwäsche. Trotz Dialyse kann dem Vater langfristig nur mit einer Nierentransplantation geholfen werden. Diese Tatsache machte den Mann keinesfalls nachdenklich, er hielt krampfhaft vor dem deutschen Gericht an seinen sozialistischen (christlichen) Ansprüchen fest.

Der Mann mit deutschen Wurzeln, der in den 1990er Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen war, hatte die deutsche Mentalität mit ihren Werten und Gesetzen nicht angenommen.

Entgegen mahnender Worte des Richters und des Jugendamtes, denen zufolge die Elfjährige stabile Verhältnisse bei beiden Eltern brauche, war der Vater nicht einsichtig. Der Papa wünschte seiner Tochter trotz deren schlechter Noten nach der Grundschule Gymnasialunterricht. Die Kleine musste auch mit weiteren ehrgeizigen Wünschen, unter anderem Klavier-, Tanz- und Sportunterricht – also Alles, was von einem Sowjetkind ohne Wenn und Aber verlangt worden war – psychisch verkraften. Dabei war das Kind durch die Alkoholexzesse des Vaters, von Familienstreitigkeiten und einer übermüdeten Mutter sowie durch eigene Überforderung psychisch instabil geworden. Das Jungendamt und die Psychologin schlugen vor Gericht Alarm, denn das Kind hatte für Freunde oder Spielen keine Zeit mehr. Und die Eltern konnten ihr keine Liebe oder Zuneigung geben, sie konfrontierten das Kind nur mit ihren Forderungen. Es hatte im Sinne der Erziehungsberechtigten zu funktionieren.

Obwohl die Mutter deutlich mehr zugänglich für die Ratschläge des Jugendamtes und Psychologin war, waren beide Elternteile Opfer ihrer sowjetischen Erziehung. Doch sie begriffen dies gar nicht. Der Vater brachte es im Gericht so zum Punkt: „Ich habe das in der Sowjetunion geschafft, meine Tochter wird das auch schaffen! Sie muss!“ Gemeint war eine Erziehung nach Vorbild der Sowjetunion, also der Wechsel ins Gymnasium trotz schlechter Noten, dazu in der Freizeit Musik-, Tanz- und Sportunterricht. Was das Kind wollte oder verkraftete, war für den Macho-Vater nicht relevant.

Hier prallten zwei Welten aufeinander, eine russische und eine deutsche. Im Gegensatz zu Russland gelten in Deutschland auch Kinderrechte. Sie haben nicht nur das Recht, zur Schule zu gehen, sondern auch das Recht zum Spielen und in einer stabilen Umgebung aufzuwachsen. Sehr oft wird in Deutschland über Erziehung in muslimischen Familien berichtet, fast nie über die Familien der Russlanddeutschen, obwohl sie aus ihrer sowjetischen bzw. russischen Heimat die dortige autoritäre Beziehungs- und Erziehungsmentalität nach Deutschland importieren.

Russisches Fernsehen für Wertevermittlung

Russlanddeutsche schauen in Deutschland, auch wenn sie gut Deutsch sprechen, fast nur russisches Staatsfernsehen, wo die sogenannten „christlichen Werte“ lautstark auch heute noch verteidigt werden. Obwohl die sozialistische Idee die Religion verdammte, hat Russlands Dauerpräsident, der ehemalige Kommunist und Geheimpolizist Wladimir Putin, die Kirche wieder salonfähig gemacht. Mit Hilfe der Kleriker konnte er seine Macht zementieren.

Menschen in Russland haben viele Alltagsprobleme zu bewältigen, das Leben ist deutlich beschwerlicher als in Deutschland. Das Land ist seit dem Zerfall des kommunistischen Riesenreiches innerlich zerrissen, die durchschnittlichen Einkünfte sind gering, die Arbeitsbedingungen und das Gesundheitssystem sind schlecht. Menschen sind auf ihre Alltagsprobleme wie hohen Alkoholkonsum, Kriminalität, wuchernde Korruption, häusliche Gewalt u.a. fixiert und wollen mit Politik nichts zu tun haben. Trost gegen Alltagsprobleme und zynische Gewaltpolitik des Kreml finden sie nun in der Kirche. Sozialistische Ideale wurden unter Putin einfach durch christliche Moral ausgetauscht. Da, wo früher die KP predigte, predigt heute das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I.

Symbolfoto: © Jan E. Siebert

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