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Paul Krugman: „Erfolgreiches“ Lettland erinnert an die Depression in den USA

Präsident Estlands, Toomas Hendrik IlvesPräsident Estlands, Toomas Hendrik IlvesDas Paul R. Krugmann eine spitze Feder hat, ist nicht neu. Als Estland vor etwa einem Jahr in der internationalen Medien weiterhin als Wirtschafts-Wunderkind gefeiert wurde, schlug der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University in seinem The New York Times-Blog „Estonian Rhapsody“ zurück. In seiner kurzen Kolumne brachte der Nobelpreisträger von 2008 vor, dass die Realität in Estland etwas anders aussieht als die Lobredner sie vorbrachten. Mit seiner nüchternen Analyse brachte er allerdings den estnischen Präsidenten hochpersönlich zum Glühen. Da wöchentliche Artikel von Ökonomen über Fachkreise hinaus bekannt sind, war das Interesse von Toomas Hendrik Ilves, der sich damals in Lettland auf einem Staatsbesuch befand, durchaus plausibel. Weniger verständlich war jedoch, dass Ilves seine Empörung in den späten Abendstunden nicht zügeln konnte. Denn er kündigte dem geschätzten Wissenschaftler einen Twitter-Krieg an.

Estlands Erfolge auf „Depressions-Niveau“
Krugman schrieb: „Die konjunkturelle Erholung Estlands von einer Wirtschaftskrise auf “Depressions-Niveau” in den Jahren 2008 und 2009 sei “erheblich, aber noch unvollständig“. Die Schönredner bringen oft den Sparsamkeitswillen der Esten als gutes Beispiel vor. Das kleinste baltische Land, erzählen die Schmeichler, sei Dank fleißigen Sparen aus der Wirtschaftskrise gut heraus gekommen.“

Der US-Ökonom teilte diese Meinung nicht. Estland sei zu Unrecht das "Vorzeigekind der Anhänger einer rigiden Sparpolitik". Das Land war wirtschaftlich tief gesunken, seine Gesundung beachtlich, der ökonomische Erholung reiche aber nicht für die Lobreden, schrieb Krugman am 6. Juni 2012 in seinem Beitrag.

“Schreiben wir über etwas, wovon wir keine Ahnung haben und seien wir selbstgefällig, überheblich und herablassend”, twitterte Ilves an Krugman. “Was wissen wir schon? Wir sind doch bloß dumme Osteuropäer. Unaufgeklärt. Eines Tages werden wir verstehen. Nostra culpa (lateinisch: Unsere Schuld),” legte der erste Mann Estlands öffentlich seinen Standpunkt dar und feuerte ergänzend eine Weltdiskussion darüber an, wer eigentlich mit seinen Wirtschaftsanalysen Recht hat. Inzwischen ist der digitale Streit als Oper vertont worden. Die junge estnische Sopranistin Iris Oja sang im April in Tallinn über Krugmann: „Blasiert, anmaßend, besserwisserisch. Scheiß auf die Osteuropäer, Frost, Nostra Culpa.“ Das Libretto zum Minioper wurde von der US-amerikanischen Journalisten Scott Diel und Musik von lettischen Komponisten Eugene Birman geschrieben.

Nunmehr Lettland im Fokus von Krugman
Nun hat Krugman Lettland unter seine seine Feder genommen. Am 15. August veröffentlichte Ökonom, wieder in The New York Times einen Beitrag „The Soft Bigotry of Low European Expectations“, wo er diesmal seine Überlegungen über die neueste Entwicklung Lettlands abgibt. Er schreibt unter anderem über die hohe Arbeitslosigkeit des Landes und zieht daraus den Schluss, dass man über eine Ende der Wirtschaftskrise noch nicht reden kann. Zu dem Bericht beigefügten Grafik vergleicht der Wirtschaftsblogger die aktuelle Situation in Lettland mit der in den USA während der Großen Depression (1929-1935) und zieht daraus das Fazit, dass die lettische Wirtschaft aktuell auf der gleichen Ebene sei wie die Vereinigten Staaten im Jahr 1935. Als Great Depression bezeichnet man die schwere Wirtschaftskrise in den USA, die am 24. Oktober 1929 mit dem „Schwarzen Donnerstag“ begann und die 1930er Jahre dominierte.

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen hatten nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers-Bank im Jahre 2008 weltweit die schwersten Rezessionen erlebt. Die drei Länder senkten die Staatsausgaben und erhöhten im Zeitraum 2009 bis 2010 die Steuern um bis zu 15 Prozent. Die Balten haben sich Dank drastischer Sparmaßnahmen gut von der Krise erholt. Lettland wird am 1. Januar 2014 Euro einführen, Litauen plant ein Jahr später zu folgen. Estland hat die europäische Gemeinschaftswährung schon seit 2011.

Foto: © Das Baltikum-Blatt / Werner Siebert

Fototext: Präsident Estlands, Toomas Hendrik Ilves



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