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Vīķe-Freiberga im Tages-Anzeiger: „Putin respektiert nur Stärke“

Ehemalige Staatspräsidentin Lettlands, Vaira Vīķe-FreibergaEhemalige Staatspräsidentin Lettlands, Vaira Vīķe-FreibergaIn einem Interview für den österreichischen Tages-Anzeiger sagte die ehemalige lettische Staatschefin Vaira Vīķe-Freiberga, dass Russlands amtierender Präsident Wladimir Putin ein Mann sei, „der Stärke respektiert und selber respektiert werden will, weil er stark ist. Wenn er spürt, dass man ihn für voll nimmt, kann er richtig charmant und freundlich werden, auch wenn man ihm klare Grenzen aufzeigt. Doch wenn er Schwäche spürt, bekommt er Lust, vorzupreschen und immer mehr zu verlangen.“

Auf die Frage, wie Europa mit dem Kremlchef umgehen solle, meint Vīķe-Freiberga, dass die Europäische Union (EU) ihre Prinzipien klarmachen und zeigen soll, dass es über territoriale Integrität oder Souveränität nichts zu diskutieren gibt. „Natürlich will niemand eine Konfrontation,“ betonte die ehemalige Staatspräsidentin und machte klar, dass es Putin recht sei, wenn andere Länder wie die Ukraine destabilisiert werden, denn dann sei die internationale Gemeinschaft damit beschäftigt, und er könne zu Hause tun, was er will.

Beschwerlicher Weg in die Freiheit

„Als Lettland in die EU eintreten wollte, wurden uns schrecklich viele Bedingungen gestellt“, erzählt Vīķe-Freiberga dem Tages-Anzeiger. „Der Übergang vom Kommandosystem der Sowjetunion zum freien Wettbewerb war sehr schwierig. Wir hatten hier viel Industrie. Das ist alles zusammengebrochen, als die Sowjetunion unterging und die Grenzen geöffnet wurden. Dabei haben viele Menschen ihre Arbeit verloren,“ berichtet das ehemalige Staatsoberhaupt, das Lettland in die EU und die westliche Militärallianz NATO geführt hatte. Dennoch gibt es im Land nicht so viele Euroskeptiker oder Populisten, die „zwar einfache, aber meist unrealistische Lösungen anbieten.“

Zwar gibt es in Lettland Menschen, die russisches Fernsehen anschauen und Putin gut finden oder den Untergang der Sowjetunion bedauern, doch nicht alle im Land lebenden ethnischen Russen seien nach Meinung Vīķe-Freibergas gegen Europa oder gar gegen ein souveränes Lettland.

Info:

Vaira Vīķe-Freiberga war von 1999 bis 2007 Staatspräsidentin Lettlands. Ihre Eltern waren Kriegsflüchtlinge, die ihre Heimat 1944 verließen. Nach ihrer Flucht lebte die Familie in Deutschland, Marokko und Kanada. Vīķe-Freiberga studierte an der Universität von Toronto und an der McGill-Universität, wo sie 1965 in Psychologie promoviert hat.

Zwischen 1965 und 1998 lehrte sie als Professorin für Psychologie an der Universität von Montréal. Während dieser Zeit war sie schon in der lettischen Gemeinschaft Kanadas aktiv. Ein großer Teil ihrer Forschung drehte sich um die traditionellen lettischen Dainas (Volkslieder oder Gedichte). Sie erhielt fünf Ehrendoktortitel und weitere renommierte Auszeichnungen.

1998 kehrte Vaira Vīķe-Freiberga nach Lettland zurück, um die Leitung des Lettischen Institutes zu übernehmen. Ein Jahr später wurde sie zur Staatspräsidentin gewählt. Nach ihrer zweiten Amtszeit als Staatsoberhaupt wurde sie stellvertretende Vorsitzende der neu geschaffenen „Reflexionsgruppe“ der EU (genannt auch Rat der Weisen), die sich mit Fragen der Entwicklung der EU beschäftigt.

Vaira Vīķe-Freiberga spricht mehrere Sprachen fließend, darunter Lettisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Sie ist verheiratet mit Imants Freibergs, einem Informatikprofessor an der Universität von Québec in Montréal. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Kārlis und Indra.

Foto: Roosewelt Pinheiro/ABr - Agência Brasil, CC BY 3.0 br / Wikimedia